Daß unser Bruder nicht kommt! Es sind zwei Tage über die Zeit.


Sophie.

Nur Geduld, er bleibt nicht aus.


Marie aufstehend.

Wie begierig bin ich, diesen Bruder zu sehen; meinen Richter und meinen Retter. Ich erinnere mich seiner kaum.


Sophie.

O ja, ich kann mir ihn noch wohl vorstellen; er war ein feuriger, offener, braver Knabe von dreizehn Jahren, als uns unser Vater hierher schickte.


Marie.

Eine edle, große Seele. Sie haben den Brief gelesen, den er schrieb, als er mein Unglück erfuhr. Jeder Buchstabe davon steht in meinem Herzen.»Wenn Du schuldig bist«, schreibt er,»so erwarte keine Vergebung; über Dein Elend soll noch die Verachtung eines Bruders auf dir schwer werden, und der Fluch eines Vaters. Bist du unschuldig — o dann alle Rache, alle, alle glühende Rache auf den Verräter!«— Ich zittere! Er wird kommen. Ich zittere, nicht für mich, ich stehe vor Gott in meiner Unschuld. — Ihr müßt, meine Freunde — Ich weiß nicht, was ich will! O Clavigo!


Sophie.

Du hörst nicht! Du wirst dich umbringen.


Marie.

Ich will stille sein! Ja ich will nicht weinen. Mich dünkt auch, ich hätte keine Tränen mehr! Und warum Tränen? Es ist mir nur leid, daß ich euch das Leben sauer mache. Denn im Grunde, worüber beklag' ich mich? Ich habe viel Freude gehabt, solang unser alter Freund noch lebte. Clavigos Liebe hat mir viel Freude gemacht, vielleicht mehr als ihm die meinige. Und nun — was ist's nun weiter? Was ist an mir gelegen? an einem Mädchen gelegen, ob ihm das Herz bricht? Ob es sich verzehrt und sein armes junges Leben ausquält?


Buenco.

Um Gottes willen, Mademoiselle!


Marie.



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