Diese solaren Neutrinos, für die die Trillionen Tonnen Materie, die ihnen im Weg lagen, kein größeres Hindernis darstellten als ein Rauchwölkchen, rasten von ihrem Entstehungsort mit Lichtgeschwindigkeit nach oben. Nur zwei Sekunden später kamen sie in den Weltraum und breiteten sich über das Universum aus. Auf wieviele Sterne und Planeten sie auch immer trafen, die meisten von ihnen würden der Gefangennahme durch den körperlosen Geist der ‚festen‘ Materie immer noch entgangen sein, wenn die Zeit selbst an ihr Ende kam.

Acht Minuten nachdem die Neutrinos die Sonne verlassen hatten, fegte ein winziger Bruchteil des solaren Sturzbachs durch die Erde — und ein noch kleinerer Bruchteil wurde von den Wissenschaftlern in Colorado abgefangen. Sie hatten ihre Geräte mehr als einen Kilometer tief in der Erde vergraben, so daß alle weniger durchschlagskräftigen Strahlungen ausgefiltert wurden und sie die seltenen, echten Boten aus dem Herzen der Sonne einfangen konnten. Durch das Zählen der eingefangenen Neutrinos hofften sie, die Bedingungen an einer Stelle, die, wie jeder Philosoph leicht beweisen konnte, dem menschlichen Wissen und der menschlichen Beobachtung auf immer versperrt war, in allen Einzelheiten studieren zu können.

Das Experiment funktionierte; man entdeckte solare Neutrinos. Aber — es waren viel zu wenige. Es hätten dreioder viermal so viele vorhanden sein müssen, wie man sie mit den schweren Instrumenten hatte einfangen können. Hier stimmte eindeutig etwas nicht, und während der siebziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts eskalierte der „Fall der fehlenden Neutrinos‘ zu einem wissenschaftlichen Skandal größeren Ausmaßes. Die Geräte wurden immer wieder überprüft, Theorien wurden revidiert und das Experiment Dutzende von Malen wiederholt — immer mit dem gleichen, rätselhaften Ergebnis.

Zum Ende des zwanzigsten Jahrhunderts sahen sich die Astrophysiker gezwungen, einen beunruhigenden Schluß zu akzeptieren — aber seine volle Bedeutung erkannte immer noch niemand.



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