
Reklamebriefe kommen doch entweder an die Krankenhausverwaltung oder an die Privatadressen der Ärzte. Was ihn vor allem stutzig machte, war die Anschrift. >Dr. Pit Mohr (nicht Othello)<, stand da. Dann die Adresse des Krankenhauses und in der oberen linken Ecke war in roten handschriftlichen Druckbuchstaben >Privat< hingeschrieben.
Pit Mohr (nicht Othello), diese Anrede kannte nur ein kleiner Kreis. Damals auf der Universität in Heidelberg war das ein geflügeltes Wort gewesen: Da kommt Othello. Man sagte das nicht nur wegen seines Namens Mohr; er trug damals auch seine pechschwarzen, kleingelockten Haare wie ein Farbiger kurz geschnitten. Die Mädchen waren wie wild hinter ihm her, und seine Kommilitonen beneideten ihn. Gute, alte Studentenzeit. Wie lange war das her? Sechs Jahre schon! Und nun, nach sechs Jahren, schrieb jemand aus Südamerika wieder Pit Mohr (nicht Othello)!
Der Brief war zwei Seiten lang. Dr. Mohr las zuerst die Unterschrift: Dein Ewald.
Ewald? Wer war Ewald? Er rekapitulierte schnell seine ehemaligen Freunde. Nach den Examina waren sie in alle Welt verstreut worden, nur wenige hatten Kontakt untereinander gehalten. Ein Ewald war nicht dabei.
Aber schon der erste Satz des Briefes klärte die Frage. Ewald schrieb:
«Du wirst Dich wundern, wieder etwas von Ewald Fachtmann zu hören, alter Junge! Erinnerst Du Dich? Ich kam von der Pharmakologie zu Euch Quacksalbern, und schon bei der ersten Paukpartie hast Du mir einen Zieher verpaßt. Wir haben dann drei Semester wie die Irren gesoffen, bis ich nach Freiburg überwechselte. Dich zu finden, war gar nicht leicht, aber es ist gelungen, wie Du siehst. Ich bin jetzt hier in Bogota und leite die deutsche Niederlassung der pharmazeutischen Werke H. Strothfeld mit der Aufgabe, neben den bekannten Antibiotika nun auch Anti-Babypillen in Kolumbien populär zu machen. Junge, das ist gar nicht so einfach. Erstens ist die Kirche dagegen, und zweitens erkläre einem Chibcha-Indianer in den Kordilleren einmal, daß nach den weißen Pillchen der Papa einen Freischußschein bekommen hat. Wie kann man das auch begreifen? Soweit mein Leben.
