
Ich hatte gerade die U-Bahn-Station am Leicester Square verlassen und ging gemütlich hinüber zum Covent Garden. Ich war in dieser Nacht nur Shaman Bond, der meine coole, einigermaßen harmlose Tarnidentität ist. Gut, aber lässig angezogen unterschied ich mich in nichts von hundert anderen Nachtschwärmern. Ich war geübt darin, nicht aufzufallen und in einer Menge verschwinden zu können. Ich habe ein Gesicht, an das sich zehn Minuten später schon keiner mehr erinnert. Ein Agentengesicht. Ich komme und gehe und tue, was ich tun muss. Keiner wird je davon erfahren, wenn ich meinen Job gut erledigt habe.
Es war ein früher Morgen im späten September, es war angenehm, draußen auf der Straße unterwegs zu sein. Es war Vollmond, die Sterne waren zu sehen, und die Straßenlaternen leuchteten wie angelaufenes Gold. Lange, schwarze Stretchlimousinen brachten hochklassige Callgirls mit platinblondem Haar und künstlichem Lächeln zu teuren Stelldicheins in den besten Hotels. Kuriere in schwarzer Lederkluft fuhren auf PS-starken Motorrädern wichtige Informationen von einer Botschaft oder einem Unternehmen zum anderen. Und eine Bande knubblig aussehender Kobolde in der Uniform der Palastwachen von Westminster schnatterte und fluchte fröhlich, als sie ein paar tote Trolle aus einem offenen Gully-Schacht zogen und die entstellten Körper auf die Ladefläche eines wartenden Müllwagens warfen. In den Straßen Londons passiert nachts eine Menge, von dem die Londoner besser nichts wissen.
Die Kobolde nickten mir leichthin zu, als ich vorbeikam, und ich lächelte genauso leichthin zurück. Die Wesen der Nacht erkennen einander immer. Kobolde führen notwendige Reparaturen durch, sorgen für die Beseitigung der verschiedenen Arten von nächtlichem Chaos und räumen mit äußerster Strenge mit dem Ungeziefer auf, das sich tief unter den Straßen von London herumtreibt: Trolle, Albino-Alligatoren, intelligente Rattenkolonien, die unmenschliche Brut von asozialen Alien-Gottheiten, sowas in der Art eben.
