
Wollte man freilich behaupten, daß diese Frage jener Zeit, im Jahre 1893, die Landesbevölkerung besonders beschäftigt hätte, so würde man mit Recht einer Uebertreibung geziehen werden. Zwei Jahre vorher freilich, als das zum Schiedsrichter ernannte Spanien die endgiltigen Grenzen zwischen Columbien und Venezuela festsetzte, nahmen hieran Alle sehr lebhaften Antheil. Dasselbe wäre wohl der Fall gewesen, wenn es sich um die Festlegung der Grenze gegen Brasilien gehandelt hätte. Bei den zweimillionenzweihundertfünfzigtausend Einwohnern aber, unter denen sich auch noch dreihundertfünfundzwanzig-tausend »gezähmte« oder in ihren Wäldern und Savannen ganz unabhängig hausende Indianer befinden, und zu denen fünfzigtausend Neger und endlich aus Blutmischung hervorgegangene Mestizen, Weiße, Ausländer, nebst englischen, italienischen, holländischen, deutschen und französischen Farangos gehören, würde es sicher nur eine verschwindende Minderheit gewesen sein, die sich für die erwähnte hydrographische Frage erwärmt hätte. Jedenfalls gab es indeß zwei Venezuolaner, den genannten Varinas, der für den Guaviare, und den genannten Felipe, der für den Atabapo das Recht, sich Orinoco zu nennen, in Anspruch nahm und neben diesen beiden Gelehrten noch einzelne Parteigänger, die jene bei sich bietender Gelegenheit unterstützten.
Es möge jedoch niemand glauben, daß Herr Miguel und seine beiden Freunde etwa alte verrostete Gelehrte mit kahlem Schädel und weißem Barte gewesen wären. Nein! Sie erfreuten sich als Vertreter ihrer Fachwissenschaft eines wohlverdienten, auch über die Landesgrenzen hinausreichenden guten Rufes. Der älteste, Miguel, zählte erst fünfundvierzig, die beiden andern noch einige Jahre weniger. Von Natur sehr lebhaft und demonstrativ, verleugneten sie in keiner Weise ihre baskische Abstammung, die auch die des berühmten Bolivar war und in den Republiken Südamerikas die der allermeisten Weißen ist, welche zuweilen einen Tropfen corsisches oder indianisches, doch nie eine Spur von Negerblut in den Adern haben.
