
»Ich geh jetzt«, flüsterte er. »Wenn du deiner Mutter was davon erzählst, komm ich wieder und bring sie um.« Dann war er verschwunden.
Die nächste Woche war kaum zu ertragen. Sie litt Höllenqualen, doch trotz ihres geschundenen Leibes nahm sie sich zusammen, so gut sie konnte, bis die Schmerzen endlich nachließen. Sie wollte ihrer Mutter erzählen, was vorgefallen war, aber sie traute sich nicht. Wenn du deiner Mutter was davon erzählst, komm ich wieder und bring sie um.
Der ganze Vorfall hatte nur ein paar Minuten gedauert, aber in diesen wenigen Minuten hatte sich Kellys Leben verändert. Das einstmals unbeschwerte junge Mädchen, das davon geträumt hatte, eines Tages einen Mann und Kinder zu haben, fühlte sich jetzt schmutzig und entehrt. Sie nahm sich vor, sich nie wieder von einem Mann berühren zu lassen. Doch das war noch nicht alles.
Seit jener Nacht fürchtete sich Kelly vor der Dunkelheit.
8
Seit Kelly zehn war, musste sie Ethel bei der Arbeit in der Pension helfen. Sie stand jeden Morgen um fünf Uhr auf, putzte die Toiletten, schrubbte den Küchenboden und half beim Zubereiten des Frühstücks für die Gäste. Nach der Schule kümmerte sie sich um die Wäsche, wischte die Böden, staubte ab und ging ihrer Mutter bei der Vorbereitung des Abendessens zur Hand. Ihr Leben wurde zu einem einzigen eintönigen Trott, trostlos und langweilig.
Dabei half sie ihrer Mutter gern. Auf ein Lob allerdings wartete sie vergebens. Ihre Mutter war so sehr mit ihren Gästen beschäftigt, dass sie ihrer Tochter kaum Aufmerksamkeit schenkte.
Als Kelly noch kleiner gewesen war, hatte ihr einer der Gäste Alice im Wunderland vorgelesen, und sie war begeistert davon gewesen, wie Alice sich auf wundersame Weise durch einen Kaninchenbau davonmachte. So was brauche ich auch, dachte Kelly, so einen Fluchtweg. Ich kann doch nicht mein Leben lang Toiletten putzen, Böden schrubben und anderer Leute Dreck wegräumen.
