
»Ich kenne es. Es war kein Spaß im Winter. Schweizer Gefängnisse waren die besten. Warm wie Hotels.«
Ich begann wieder zu essen. Unangenehme Erinnerungen hatten etwas Gutes: sie überzeugten einen, daß man glücklich war, wenn man eine Sekunde vorher noch geglaubt hat, es nicht zu sein. Glück ist eine Sache von Graden. Wer das beherrscht, ist selten ganz unglücklich. Ich war glücklich in Schweizer Gefängnissen gewesen, weil es keine deutschen waren. Aber vor mir saß ja ein Mann, der behauptete, das Glück gepachtet zu haben, obschon irgendwo in Lissabon ein Holzsarg in einem ungelüfteten Zimmer stand.
»Als man mich das letztemal freiließ, drohte man mir, daß man mich nach Deutschland abschieben müsse, wenn man mich noch einmal ohne Papiere erwische«, erklärte Schwarz.»Es war nur eine Drohung; aber sie erschreckte mich. Ich fing an nachzudenken, was ich tun müßte, wenn es wirklich geschähe. Dann begann ich nachts zu träumen, ich wäre drüben und die SS wäre hinter mir her. Ich träumte es so oft, daß ich mich schließlich fürchtete, einzuschlafen. Kennen Sie das auch?«
»Ich könnte eine Doktorarbeit darüber schreiben«, erwiderte ich.»Leider.«
»Eines Nachts träumte ich, daß ich in Osnabrück wäre, der Stadt, wo ich gelebt hatte und wo meine Frau noch wohnte. Ich stand in ihrem Zimmer und sah, daß sie krank war. Sie war sehr mager und weinte. Ich wachte verstört auf. Ich hatte sie über fünf Jahre nicht gesehen und nichts von ihr gehört. Ich hatte ihr auch nie geschrieben, weil ich nicht wußte, ob ihre Post überwacht würde. Vor der Flucht hatte sie mir versprochen, sich von mir scheiden zu lassen. Es sollte ihr Schwierigkeiten ersparen. Einige Jahre glaubte ich auch, sie hätte es getan.«
