
»Und wo ist das?«
»Am Kleifarvatn. An der Nordseite.«
»Hast du es mit dem Netz eingefangen?«
»Nein, es liegt auf dem Seeboden.«
»Bist du da getaucht?«
»Nein. Es ragt aus dem Seeboden heraus. Die Rippen und der Schädel.«
»Aus dem Seeboden heraus?«
»Ja.«
»Und wieso kannst du es sehen?«
»Ich stehe direkt daneben, und es liegt vor mir.«
»Hast du es ans Ufer gebracht?«
»Nein, ich habe nichts angerührt«, log sie.
Die Leitung blieb eine Weile stumm. »Was soll denn der Blödsinn?«, erklärte die Stimme auf einmal ärgerlich. »Soll das vielleicht ein Witz sein? Weißt du, was dich so ein blöder Scherz kosten kann?«
»Kein Scherz. Ich stehe direkt daneben und sehe es.«
»Also mit anderen Worten, du bist imstande, auf dem Wasser zu wandeln?«
»Der See ist weg«, sagte sie. »Hier ist kein Wasser mehr, nur trockener Seeboden. Da, wo das Skelett liegt.«
»Was meinst du damit, der See ist weg?«
»Nicht der ganze See, aber da, wo ich stehe, ist kein Wasser mehr. Ich bin Hydrologin und arbeite am Energieforschungsinstitut. Ich habe den Wasserstand kontrolliert und das Skelett gefunden. Es hat ein Loch im Schädel und ist größtenteils im Sand vergraben. Ich habe zuerst gedacht, es handelte es sich um ein Schaf.«
»Ein Schaf?«
»Wir haben neulich schon mal eins gefunden, das vor langer Zeit im See ertrunken ist. Als er noch größer war.« Wieder Schweigen in der Leitung.
»Bleib da, wo du bist«, sagte die Stimme zögernd. »Ich schicke einen Wagen vorbei.«
Nachdem sie eine Weile unbeweglich bei dem Skelett gestanden hatte, ging sie in Richtung Wasser und maß die Entfernung. Sie war sich sicher, dass die Knochen noch nicht zum Vorschein gekommen waren, als sie vor zwei Wochen den Wasserstand abgelesen hatte. Sie wären ihr bestimmt aufgefallen. Die Wasseroberfläche war also in dieser Zeit um einen weiteren Meter gesunken.
