
Die Matriarchin bewohnte natürlich die allerbesten Räumlichkeiten im Herrenhaus: eine ganze Zimmerflucht nur für sie und ihren Mann im obersten Stockwerk des Westflügels. Eine ganze Zimmerflucht, wo die meisten von uns mit nur einem Zimmer auskommen mussten und die jüngsten Familienmitglieder sogar in gemeinschaftlichen Räumen und Schlafsälen untergebracht waren. An einem Ort, der so vollgestopft war, dass er aus allen Nähten platzte, ist der einzige wirkliche Luxus Platz. Das Herrenhaus ist groß, aber die Familie ist noch größer.
Als neues Familienoberhaupt hätte ich die Matriarchin hinauswerfen und mir die Zimmerflucht für mich selbst und Molly nehmen können, aber das brachte ich nicht übers Herz. Nicht nach dem, was ich dem Mann der Matriarchin, Alistair, angetan hatte.
Ich spürte, wie mein Herz schneller schlug und sich meine Kehle zuschnürte, als ich mich der Tür der Matriarchin näherte. Ich war vorher erst einmal hier gewesen, damals, mit gerade zwölf Jahren. Ich war von der Matriarchin höchstpersönlich für eine private Befragung zu ihr zitiert worden - ein beispielloser Vorfall. Der Seneschall hatte mich hingebracht, eine große Hand stets bereit, mir eine Ohrfeige zu geben, falls ich trödelte. Ich war halb von Sinnen vor Lampenfieber. Was hatte ich diesmal falsch gemacht? Alle möglichen Dinge schossen mir durch den Kopf, aber nichts davon war schlimm genug, um die persönliche Aufmerksamkeit der Matriarchin zu rechtfertigen. Der Seneschall klopfte an die Tür, öffnete sie und stieß mich hinein. Und da war sie, Martha Drood, und saß kerzengerade auf einem Stuhl und fixierte mich mit ihrem unnachgiebigen Blick.
Sie hatte mein letztes Schulzeugnis in der Hand, und sie war sehr enttäuscht von mir. Offenbar war es voller Bemerkungen wie Muss sich mehr Mühe geben, Könnte besser sein und, am vernichtendsten von allen, Intelligent, lässt es aber an Disziplin fehlen. Schon mit zwölf war meine Persönlichkeit fast fertig ausgebildet.
