Ich bin drei Jahre alt und in Begleitung meines Großvaters. Ich strample auf meinem Dreirad auf dem Weg rund um die Anlagen herum, während Großvater in diesem kleinen tempelähnlichen Bauwerk beim schmiedeeisernen Zaun sitzt, wo man notfalls vor Regen geschützt ist. Er hat sich eine Zeitung mitgenommen, aber er liest nicht darin. Er lauscht vielmehr einer Musik, die aus einem der Häuser hinter ihm erklingt.

»Das nennt man ein Konzert, Gideon«, erklärt er mir mit ehrfürchtig gedämpfter Stimme. »Das ist Paganinis D- Dur-Konzert. Horch!« Er winkt mich näher zu sich. Er sitzt ganz am Ende der Bank. Ich stelle mich neben ihn, er legt mir den Arm um die Schultern, und ich horche.

Ich brauche nur einen Moment, um zu wissen, dass dies meine Bestimmung ist. Mich, den Dreijährigen, trifft eine Erkenntnis, die mich seither nie mehr verlassen hat: Wenn ich zuhöre, dann bin ich; wenn ich spiele, dann lebe ich.

Ich dränge Großvater, sofort zu gehen. Mit seinen arthritischen Händen hat er Mühe, das Tor zu öffnen. Ich treibe ihn an, bitte ihn, sich zu beeilen, »bevor es zu spät ist«.

»Zu spät, wofür?«, fragt er nachsichtig.

Ich nehme ihn bei der Hand und zeige es ihm.

Ich ziehe ihn zu dem Peabody-Haus, denn von dort erklingt die Musik. Wir treten ein. Von dem frisch geschrubbten Linoleumboden steigt ein so durchdringender Geruch nach Bleiche auf, dass es uns in den Augen brennt.

Oben, im ersten Stock, stoßen wir auf die Quelle der Musik. In einem der Einzimmerappartements des Stifts lebt Miss Rosemary Orr, ehemals Geigerin bei den Londoner Philharmonikern, aber nun schon lange im

Ruhestand. Sie steht vor einem großen Wandspiegel, eine Geige am Kinn, einen Bogen in der Hand. Aber sie spielt nicht. Sie lauscht mit geschlossenen Augen, die Hand mit dem Bogen gesenkt, dem Paganini-Konzert, und dabei tropfen die Tränen, die ihr über das Gesicht rinnen, auf ihr Instrument hinab.



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