
Für Dorothea
HISTORISCHE ANMERKUNG
Diese Geschichte spielt im Jahre 664 n. C. während der berühmten Synode von Whitby. Die Sitten und Gebräuche dieses «dunklen Zeitalters» mögen vielen Leserinnen und Lesern befremdlich erscheinen. Besonders bemerkenswert ist, daß damals sowohl in der römischen als auch in der später «keltisch» genannten Kirche der Gedanke des Zölibats für Ordensfrauen und -männer längst noch nicht überall verbreitet war. Im Gegenteil, es kam recht häufig vor, daß Männer und Frauen in con-hospitae, sogenannten Doppelhäusern, zusammenlebten und ihre Kinder im Dienste Christi gemeinsam aufzogen. St. Hildas Abtei in Whitby, zu jener Zeit Streoneshalh genannt, war eines dieser Doppelhäuser. Selbst Priester und Bischöfe durften damals heiraten. Der Zölibat wurde zwar von Paulus und anderen frühen Kirchenführern ausdrücklich befürwortet, beschränkte sich ursprünglich jedoch nur auf Asketen. Der Anspruch an alle Geistlichen, im Zölibat zu leben, konnte sich nur allmählich durchsetzen. Erst unter Papst Leo IX. (1048-54) unternahm die römische Kirche den ernsthaften Versuch, auch die Geistlichen im äußersten Westen Europas zum Zölibat zu zwingen.
Selbst wilde Tiere sind nicht so grausam wie die Christen im Umgang mit ihresgleichen.
Ammianus Marcellinus (ca. 330-395 n. C.)
I
DER MANN WAR NOCH NICHT LANGE tot. Das Blut und der Speichel um seine verzerrten Lippen waren noch nicht einmal trocken. Die Leiche hing am Ende eines kräftigen Hanfseils vom Ast einer knorrigen Eiche und schwang im Wind hin und her. Wo das Genick gebrochen war, hatte sich der Kopf in einem seltsamen Winkel zum übrigen Körper verdreht. Die Kleider waren zerrissen, und falls der Mann Sandalen getragen hatte, waren sie von Leichenfledderern entwendet worden. Jedenfalls war von seiner Fußbekleidung nichts mehr zu sehen. Die verkrampften, blutüberkrusteten Hände zeigten, daß der Mann nicht kampflos gestorben war.
