Julia gab ihm den Brief. Der Leutnant mit dem eifrigen, milchigen Gesicht und mit schwärmerischen Augen verschwand im Nebenraum. Es dauerte nicht lange, bis er wieder auf den Flur trat - ein wenig steifer, förmlicher, zurückhaltender und, wie es Julia schien, auch nicht mehr so selbstsicher wie vorhin.

»Einen Augenblick noch. Sie werden gerufen.«

Er wandte sich ab und ging. Seine glänzend-polierten Stiefel knarrten. Kein Gruß mehr, kein »Gnädige Frau -«. So ist das also, dachte Julia ein wenig schmerzlich, der Name Deutschmann genügt, um ihn zu einem Eiszapfen erstarren zu lassen.

Sie setzte sich auf eine der klobigen, unbequemen Bänke im Flur und wartete. Erst nach einer halben Stunde öffnete sich die schwere Tür, und der Kopf einer jungen Sekretärin erschien.

»Frau Deutschmann?«

»Ja.« Julia stand auf.

»Herr General läßt bitten.«

General von Frankenstein kam ihr drei Schritte entgegen, als sie das weite Zimmer betrat. Dann blieb er abrupt stehen, wie eine aufgezogene Puppe, der das Räderwerk abgelaufen ist, und nickte ihr zu.

»Frau Dr. Deutschmann?«

»Ja, Herr General.«

»Sie haben wegen Ihres Mannes ein Gnadengesuch eingereicht?«

»Ja.«

»Warum?«

Einen flüchtigen Augenblick lang überfiel Julia der verrückte Vergleich, daß die Stimme des Generals genauso knarrte wie die Stiefel des Leutnants, der sie hierhergebracht hatte. »Er -«, sagte sie stockend, »- er wurde eines Irrtums wegen verhaftet, verurteilt zu einem Strafbataillon - ich weiß nicht, wo er jetzt ist ...«

»Es war kein Irrtum«, knurrte der General.

»Aber ...«

»Gestatten Sie bitte, daß ich Sie unterbreche«, sagte der General und verbeugte sich leicht: ein altgedienter preußischer Offizier, ein Kavalier alter Schule, dem man in seiner Kadettenzeit beigebracht hatte, daß er sich Damen gegenüber in jeder Situation höflich und korrekt benehmen soll: das war die Tradition.



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