
Chris war Doktorand im Bereich Geschichte der Wissenschaft — ein äußerst kontroverses Gebiet, aber er umging geschickt alle Dispute, indem er sich nicht auf moderne Wissenschaft konzentrierte, sondern auf Wissenschaft und Technik des Mittelalters. So war er Experte für Metallurgie, für Waffenherstellung, Dreifelder-Frucht-wechsel, der Chemie des Gerbens und für ein Dutzend andere Techniken der damaligen Zeit geworden. Er hatte beschlossen, seine Doktorarbeit über die Mühlentechnik des Mittelalters zu schreiben - ein faszinierendes, aber stark vernachlässigtes Gebiet. Und sein besonderes Interesse gehörte natürlich der Mühle von Sainte-Mere.
Johnston wartete gelassen ab.
Chris war Student im zweiten Semester gewesen, als seine Eltern bei einem Autounfall getötet wurden. Chris, ein Einzelkind, war am Boden zerstört; er spielte sogar mit dem Gedanken, das College zu verlassen. Johnston hatte den jungen Studenten für drei Monate in sein Haus aufgenommen und diente ihm auch noch viele Jahre danach als Vaterersatz, der ihm in allen Lebenslagen mit Rat und Tat zur Seite stand, von der Abwicklung des elterlichen Nachlasses bis hin zu Problemen mit Freundinnen. Und Probleme mit Freundinnen hatte es eine ganze Menge gegeben.
Nach dem tragischen Verlust seiner Eltern hatte Chris sich mit vielen Frauen eingelassen. Die daraus folgende Kompliziertheit seines Lebens — böse Blicke von verschmähten Geliebten in Seminaren; verzweifelte mitternächtliche Anrufe wegen einer ausgebliebe-nen Periode, während er mit einer anderen im Bett war; heimliche Treffen in Hotelzimmern mit einer Philosophiedozentin, die mit-ten in einer schmutzigen Scheidung steckte — prägte bald seinen Tagesablauf. Unweigerlich wurden seine Noten schlechter, und eines Tages nahm Johnston ihn beiseite und redete ihm mehrere Abende lang gut zu.
