»Pater Abt, weißt du, welcher Tag heute ist?«

Segdae starrte Bruder Madagan an, und seine Verärgerung ging in Verwirrung über.

»Was soll diese Frage und weshalb weckst du mich deswegen? Es ist der Feiertag des Gründers unserer Abtei, des heiligen Ailbe.«

»Vergib mir, Pater Abt. Aber wie du weißt, nehmen wir an diesem Tag die Reliquien des heiligen Ailbe aus unserer Kapelle und tragen sie zu seinem Grab, wo du sie segnest und wir Dankgebete für das Leben Ailbes und seine Bekehrung dieses Teils der Welt zum rechten Glauben sprechen.«

Abt Segdae zeigte wachsende Ungeduld. »Komm zur Sache, Bruder Madagan, oder hast du mich nur geweckt, um mir zu sagen, was ich längst weiß?«

»Bona cum venia, mit Verlaub, ich kann das erklären.«

»Dann tu es auch!« fauchte der Abt gereizt. »Und zwar mit guten Gründen.«

»Als Verwalter der Abtei machte ich meinen nächtlichen Rundgang. Dabei ging ich in die Kapelle.« Der Mönch hielt inne, als wolle er seinen Worten einen dramatischen Effekt verleihen. »Pater Abt, das Reli-quiar des heiligen Ailbe ist nicht mehr in der Nische, in der es aufbewahrt wurde!«

Abt Segdae war hellwach und sprang aus dem Bett.

»Ist nicht mehr da? Was soll das heißen?«

»Das Reliquiar ist fort. Verschwunden.«

»Es war doch noch da, als wir zum Vespergebet zusammenkamen. Wir alle haben es gesehen.«

»Sicher war es da. Aber jetzt ist es weg.«

»Hast du Bruder Mochta schon gerufen?«

Bruder Madagan zog die Brauen zusammen, als habe er die Frage nicht verstanden. »Bruder Mochta?«

»Als Bewahrer der Reliquien des heiligen Ailbe hätte er als erster geholt werden müssen«, erklärte Segdae, dessen Verärgerung sich wieder verstärkte. »Geh . nein, warte! Ich komme mit.«

Er schlüpfte in seine Sandalen und nahm seinen wollenen Mantel vom Haken. »Nimm die Kerze und geh mir voran zu Bruder Mochtas Kammer.«



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