
Früher oder später, so schlossen die Wissenschaftler, mußte diese Gezeitenhitze derart ansteigen, daß sogar die in großer Tiefe liegenden Gesteinsschichten schmolzen und zu Lava wurden.
Diese Verflüssigung wiederum würde bewirken, daß die Oberfläche dem Zug der Sonnengravitation leichter nachgab; die Temperaturen konnten noch schneller ansteigen. Ein Gürtel von Magma mußte sich so unter der Zwielichtzone bilden, denn dort wirkte die Gravitation am stärksten, weil ihr der größte Widerstand entgegengebracht wurde. Der unterirdische Lavagürtel mußte hier gegen die Oberfläche vorstoßen und durchbrechen. Die Folge würde sein, daß Merkur eines Tages eine Atmosphäre erhielt.
Die Theorie hatte einiges für sich. Der Astronom mußte zugeben, daß man sie schon entwickelt hatte, bevor man überhaupt wußte, daß es auch auf dem Mond Vulkane gab. Sie rechtfertigte auch die besondere Aufmerksamkeit, mit der Schloßberg und Zaino die Ebene betrachteten, bevor sie die Leiter hinunterkletterten. Und schließlich gab sie eine Erklärung ab für die gelegentlichen Veränderungen der Oberfläche und die ständig wechselnden Risse und Spalten auf dem Spiegel der erkalteten Lava.
Niemand wußte mit Sicherheit, wie stark die erkaltete Schicht wirklich war. Aber natürlich war es unsinnig, sich an Bord der ALBIREO sicherfühlen zu wollen, denn wenn tatsächlich die Katastrophe einmal eintrat, war auch das Schiff verloren.
Die riesige Sonne schwebte dicht über dem Horizont. Ihr Schein warf lange Schatten und ließ die vielen Spalten noch tiefer und schwärzer erscheinen.
Nein, es schien sich nichts verändert zu haben.
Vorsichtig stiegen sie an der Leiter zur Oberfläche hinab und hüteten sich vor der Berührung mit den scharfkantigen Felsen.
