»Was heißt das? Ist der Brief aus dem Kreml abgeschickt worden?«, feixte ich.

»Fast. Der Kasten, in den der Brief gesteckt wurde, befindet sich auf dem Gelände des Wohnkomplexes Assol.«

Die endlos hohen Häuser mit roten Dächern - Genosse Stalin hätte ohne Zweifel seine Freude an ihnen gehabt - kannte ich. Jedoch nur von außen. »Da kommt man nicht so einfach rein, oder?«

»Richtig.«Geser nickte. »Nachdem unser Unbekannter einen solchen Aufwand mit dem Papier, dem Kleber und den Buchstaben getrieben hat, schickt er den Brief also aus dem Assol ab. Damit begeht er entweder eine Riesendummheit…«Ich schüttelte den Kopf.

»… oder lockt uns auf eine falsche Fährte.«An dieser Stelle legte Geser eine Kunstpause ein und beobachtete aufmerksam, wie ich reagierte.

Ich dachte nach. Und schüttelte abermals den Kopf. »Das ist sehr naiv. Nein.«

»Oder unser»Freund«- das letzte Wort sprach Geser mit offenem Sarkasmus aus -»will uns in der Tat einen Hinweis geben. »

»Wozu?«, fragte ich.

»Den Brief hat er ja zu einem bestimmten Zweck abgeschickt«, erinnerte mich Geser. »Wir müssen auf solche Briefe reagieren, Anton, das wirst du einsehen. Nehmen wir einmal das Schlimmste an, nämlich dass ein Verräter unter den Anderen existiert, der Menschen das Geheimnis unserer Existenz enthüllt. »

»Aber wer würde ihm denn glauben?«

»Einem Menschen würde man natürlich nicht glauben. Aber ein Anderer könnte seine Fähigkeiten unter Beweis stellen.«

Da hatte Geser natürlich Recht. Was mir jedoch nicht in den Kopf wollte: Wer würde so etwas tun? Und weshalb? Selbst der dümmste und fieseste Dunkle müsste sich im Klaren darüber sein, was er in Gang setzt, wenn er die Wahrheit preisgibt. Eine neue Hexenjagd nämlich.



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