Frau Phelps, die sie in den vergangenen Wochen gebannt beobachtet hatte, kam nun hinter ihrem Tisch hervor und ging zu ihr.



«Kann ich dir helfen, Matilda?» fragte sie.

«Ich überleg mir gerade, was ich als nächstes lesen soll», antwortete Matilda, «mit den Kinderbüchern bin ich durch.»

«Du meinst, du hast dir alle Bilder angeschaut?»

«Ja, aber gelesen hab ich die Bücher auch.»

Frau Phelps schaute von ihrer großen Höhe zu Matilda hinab, und Matilda blickte geradewegs zu ihr empor.

«Ein paar hab ich ziemlich schwach gefunden», sagte Matilda, «aber ein paar andere waren zu schön. Am besten hat mir ‹Der geheime Garten› gefallen. Da gab’s soviel Geheimnis drin. Das Geheimnis von dem Raum hinter der verschlossenen Tür und das Geheimnis von dem Garten hinter der hohen Mauer.»

Frau Phelps stand da wie vom Donner gerührt. «Wie alt bist du eigentlich genau, Matilda?» fragte sie.

«Vier Jahre und drei Monate», antwortete Matilda.

Das raubte Frau Phelps erst recht die Fassung, aber sie war vernünftig genug, es nicht zu zeigen. «Was für ein Buch würdest du denn gerne als nächstes lesen?» fragte sie.

Matilda erwiderte: «Am liebsten ein wirklich gutes, eins, das Erwachsene lesen. Ein berühmtes Buch. Ich kenn aber noch nicht die Namen.»

Frau Phelps musterte die Bücherreihen und ließ sich dabei Zeit. Sie wußte nicht genau, was sie anbieten sollte. Wie wählt man nur, überlegte sie, ein berühmtes Erwachsenenbuch für ein vierjähriges Mädchen aus? Ihr erster Gedanke war, ein Jugendbuch herauszuziehen, eine von diesen süßlichen Geschichten, die für fünfzehnjährige Schülerinnen geschrieben werden, aber dann merkte sie, wie sie unerklärlicherweise instinktiv an diesem speziellen Regal vorüberging.



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