
6 Gleichgewicht der Kräfte
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Die britisch-deutsche Rivalität
Eine der Ursachen für den Ausbruch der zwei Weltkriege von 1914 und 1939
liegt in Deutschlands Wirtschaftsaufstieg nach 1871. Doch das allein hätte nicht notwendigerweise zum Ersten Weltkrieg fuhren müssen, der den Zweiten nach sich zieht. Es kommt hinzu, daß Deutschlands Politiker vor 1914 zwei verhängnisvolle Fehler machen. Sie unterlassen es, den Deutsch-Russischen Rückversicherungsvertrag zu verlängern, und sie geben dem Wirtschaftsaufstieg Deutschlands eine maritime Komponente. Beides ruft Großbritannien auf den Plan.
Mit der deutschen Einigung von 1871 entsteht ein Wirtschaftsraum von erheblicher Dynamik. Begünstigt durch ein gut entwickeltes Bildungssystem und versehen mit den damals wichtigsten Bodenschätzen Kohle und Eisenerz im eigenen Land steigen Deutschlands Produktivität und Außenhandel in kurzer Zeit in einem für England beängstigenden Maß. Von 1880 bis 1907 zum Beispiel ver-vierfacht Deutschland seine Steinkohleforderung und schließt damit fast zu England auf. Im selben Zeitraum rücken Deutschlands Hütten bei der Roheisen-produktion auf die erste Stelle in Europa vor. An Stahl erzeugt Deutschland 1907 bereits doppelt so viel wie man in England produziert. Dementsprechend entwickelt sich auch der Außenhandel Deutschlands. Obwohl London 1887 mit der „Merchandise marks act“ den Versuch macht, deutsche Exporte mit dem Verbraucherwarnhinweis „Made in Germany“ einzudämmen, wächst der
deutsche Außenhandel von 1887 bis 1907 um 250 Prozent, während der
englische in den gleichen 20 Jahren nur um 80 Prozent steigt. Auch Frankreich wird in diesem Zeitraum wirtschaftlich von Deutschland abgehängt. Damit ist für England die „balance of power“ auf dem Kontinent bedroht.
