
»Ich werde kommen«, sagte Kurremkarmerruk und, sich wieder über das Buch beugend, sprach er: »Das Blütenblatt des Moly hat einen Namen, und zwar heißt es lebera, und ebenso das Kelchblatt, und zwar heißt es Partonath, und der Stengel, und das Blatt und die Wurzel haben ihre eigenen Namen…«
Doch Erzmagier Ged, der all die Namen des Moly kannte, rief seinen Geistboten wieder zurück; er hielt seine Augen geschlossen, streckte seine Beine bequem aus und schlief in dem von bebenden Blätterschatten durchbrochenen Sonnenlicht bald ein.
DIE MEISTER AUF ROK
Auf Rok werden die Künste der Hohen Magie gelehrt, und Knaben, denen die Gabe der Zauberei angeboren ist, kommen aus allen Ländern der Erdsee hierher zur Schule. Sie werden mit den verschiedensten Arten der Zauberei vertraut gemacht, studieren Namen, Runen, Formeln und Bannsprüche, lernen, was man tun darf und was man unterlassen muß und die Gründe dafür. Und hier werden sie, nach langer Übung, wenn Geist, Verstand und Handfertigkeit Schritt halten, zum Zauberer ernannt und erhalten einen Stab als Zeichen ihrer Macht. Die wahren Zauberer kommen alle aus Rok.
Da es auf allen Inseln Zauberer und Zauberweiber gibt und die Magie den Menschen so nötig ist wie Brot und so ergötzlich wie Musik, wird die Schule der Zauberkunst mit Ehrfurcht betrachtet. Die neun Magier, die Meister der Schule, genießen das gleiche Ansehen wie die mächtigsten Prinzen des Inselreichs. Ihr Meister, der Hüter von Rok, der Erzmagier, ist keinem Menschen verpflichtet, außer dem König aller Inseln, doch selbst an diesen bindet ihn nur ein Treueeid, der aus freiwilligem Herzen gegeben wurde, denn selbst ein König ist nicht stark genug, diesen mächtigsten aller Magier an das Gemeine Recht zu ketten, wenn er sich dagegen sträuben würde. Doch selbst in den Jahrhunderten, die keinen König kannten, blieben die Erzmagier ihrem Eid treu und dienten dem Gemeinen Recht. In Rok nimmt alles, schon seit Jahrhunderten, unverändert seinen Lauf. Auf Rok, so schien es, war man sicher vor aller Unbill, hier hallte das Lachen der Jungen durch die breiten, kalten Flure des Großhauses und fand sein Echo in den Innenhöfen des Gebäudes.
