
HEINZ KONSALIK
DAS HERZ DER 6. ARMEE
"Dem einfachen Landser,
auf dessen Rücken von jeher
die Sünden der Politiker ausgetragen wurden,
als Mahnung und ständiger Aufruf
gewidmet."
… Die Lage Ihrer eingekesselten Truppen ist schwer. Sie leiden unter Hunger, Krankheiten und Kälte. Der grimmige russische Winter hat kaum erst begonnen. Starke Fröste, kalte Winde und Schneestürme stehen noch bevor. Ihre Soldaten aber sind nicht mit Winterkleidung versorgt und befinden sich in schweren sanitätswidrigen Verhältnissen.
Sie als Befehlshaber und alle Offiziere der eingekesselten Truppen verstehen ausgezeichnet, daß Sie über keine realen Möglichkeiten verfügen, den Einschließungsring zu durchbrechen. Ihre Lage ist hoffnungslos und weiterer Widerstand sinnlos…
Aus dem Ultimatum Generalleutnants Rokossowskijs an Generaloberst Paulus am 8. Januar 1943.
Kapitel 1
Pawel Nikolajewitsch Abranow sah hinauf in den Himmel und dann über seine Stiefelspitzen hinweg hinunter zur Wolga und kaute an einem Kanten Brot. Der Himmel war fahl, grau, unergründlich, schwer, und die Wolga schien schwarz zu sein, ein breiter Strom voll Tinte.
Abranow seufzte und benetzte den harten Kanten Brot mit Speichel, damit er aufweichte und sich beißen ließ. Neben ihm lag ein großer Mann in Uniform mit breiten Schulterstücken, unrasiert, dreckig, mit Lehm beschmiert. Auch er sah über die Wolga hinüber nach Krasnaja Sloboda, aber er seufzte nicht, sondern kaute an einer Zigarette. Es war eine gute, dicke Zigarette aus Machorka, gerollt aus einem Teil des vorgestrigen Lageberichts der Prawda.
«Was ist, Väterchen?«fragte der Uniformierte.»Warum seufzt du?«
«Es müßte Winter werden, Genosse Major. Zeit ist's dafür! Ein schneller Winter, hui — wie die Reiter aus der Steppe von Kasachstan! Über Nacht sollte es zufrieren… dann können sie aus der Tiefe zu uns kommen über die Wolga, unsere Panzerchen…«Abranow lachte leise.
