Die Frauen blickten über Tryggvis Schulter und er spürte, wie sie nach seinem Hemd griffen. Er versuchte, sich loszumachen, aber ohne Erfolg. Der Fakultätsleiter streckte Hilfe suchend die Arme aus. Der Mann schien vor Angst völlig aufgelöst zu sein und griff mit der einen Hand nach seinem Herz, aschfahl im Gesicht. Dann kippte er zur Seite. Tryggvi widerstand der Versuchung, die Frauen zu packen und wegzurennen. Er machte einen Schritt nach vorn, woraufhin die Frauen noch nachdrücklicher versuchten, ihn zurückzuziehen, doch er schüttelte sie ab. Er beugte sich hinab zu Gunnar, der offenbar versuchte, ihm etwas zu sagen.

Tryggvi verstand nicht viel von dem zusammenhanglosen Gestammel des Mannes. Er begriff nur, dass die Leiche — es konnte nur eine Leiche sein, so sah kein lebendiger Mensch aus — auf Gunnar gestürzt war, als dieser die Tür zum Druckerkabuff geöffnet hatte. Tryggvi richtete seinen Blick instinktiv auf den entsetzlich zugerichteten Körper.

Guter Gott. Die schwarzen Stofflappen vor den Augen waren gar keine Stofflappen.

6. DEZEMBER 2005

1. KAPITEL

Dóra Guðmundsdóttir wischte hastig einen Cornflakeskrümel von ihrem Hosenbein und zupfte ihre Kleidung zurecht, bevor sie die Rechtsanwaltskanzlei betrat. Gar nicht so übel. Sie hatte das morgendliche Geduldspiel, ihre sechsjährige Tochter und ihren 16-jährigen Sohn rechtzeitig zur Schule zu bringen, überstanden. Neuerdings weigerte sich Dóras Tochter strikt, etwas Rosafarbenes anzuziehen, was nicht weiter problematisch wäre, wenn nicht der gesamte Inhalt ihres Kleiderschranks mehr oder weniger rosa wäre. Ihr Sohn hingegen hatte das ganze Jahr über vergnügt dieselben verschlissenen Klamotten angezogen, vorausgesetzt, auf einem der Kleidungsstücke befand sich ein Totenkopf.



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