
Heinz Konsalik
Das Lied der schwarzen Berge
Kapitel 1
Uber die Felsenstraße nach Zabljak keuchte ein kleiner Wagen. Er hüpfte über die im Wege liegenden Steine und quälte sich die Steigungen der Serpentinen hinauf, tuckernd, brummend, mit knatterndem Motor. Eigentlich war es gar keine Straße, sondern nur ein um die Felsen gelegter schmaler Pfad, den die Schafherden begingen, wenn sie im mühsamen Zug von Bergweide zu Bergweide kletterten; aber der Fahrer des kleinen Wagens zwang ihn den Berg hinauf und schaute nicht zur Seite, wo der Pfad an einen Abgrund grenzte, wo der Felsen hinabfiel ins Uferlose, in ein Gewirr von ur-weltlich aufgetürmten und aneinandergereihten Schluchten.
Es war ein heller, sonniger Tag. Uber den Felsen stand der blaue Sommerhimmel, unterbrochen von dünnen, weißen Wolken; der Gipfel des Durmitor, des über 2.534 m hohen Berges inmitten der schwarzen Berge Montenegros, glänzte mit seinem ewigen Schnee weiß und blendend in die ständig schattigen Schluchten. Auch der enge Pfad war dunkel trotz des sonnigen Tages, er war feuchtnaß, schlüpfrig, die Steine, die im Wege lagen, waren überzogen mit einer fast moosigen Schicht. Selten - nur wenn die Sonne schräg zu den Felsen stand - traf hier ein warmer Strahl das Gestein und hob es heraus aus der Dumpfheit monatelanger Schatten.
Vor einer neuen Steigung hielt Ralf Meerholdt den Wagen an und blickte auf die Karte, die er neben sich auf dem freien Sitz liegen hatte. Es war eine Autokarte des Gebietes zwischen Foca, Plevlje und Niksic, ein Stückchen Erde inmitten des alten, bekannten Europa, das auf den Karten leer und weiß gezeichnet ist und von dem man nur weiß, daß es Felsen und rauhe Täler sind, durchschnitten von Wildbächen und Bergwassern, einigen wenigen sauren Wiesen und bewohnt von einer Handvoll Bergbauern, die hier, in völliger Einsamkeit, das karge Brot dem steinigen Boden abringen und nur im Jahre einmal auf den Märkten erscheinen, um gegen Lammfelle und schöne Wollknüpfarbeiten Geräte und Gewürze zu kaufen. Hier gibt es keine Straßen, nicht einmal Wege, die einen Wanderer reizen könnten... Rauhe Pfade führen durch die Schluchten, und der Eindruck, ein Mondgebirge zu durchschreiten, wird verstärkt durch die völlige Einsamkeit, die den Suchenden umgibt.
