»Wirklich?« Ralf Meerholdt sah interessiert auf. Er nahm wieder die Karte vom Autositz und fuhr mit dem Finger über die weiße Gegend. »Hier ist der Durmitor und dort der Ljubicna. Wir müssen genau zwischen diesen Bergen stecken, zwischen den Flüssen Piva und Tara.« Er sah auf und begegnete dem Blick Jossips, der ihn dunkel und abweisend musterte. »Eigentlich hast du recht, Jos-sip. Wo zwei große Flüsse aus dem Gebirge treten, muß von den Felsen Wasser kommen, um sie zu speisen. Die Quellflüsse allein schaffen es nicht.« Er klappte die Karte zu und steckte sie in die Seitentasche des Anzuges. »Wo liegt dieses Dorf - wie heißt es doch?«

»Zabari, Herr.«

»Zabari! Ein Name wie aus einem Märchenbuch! Kannst du mich hinführen, Jossip?«

»Nein.« Jossip schüttelte den Kopf. »Ich muß bei meiner Herde bleiben. Jossip verläßt nie seine Herde! Aber ich werde Tanja schicken mit einem Zettel.«

»Wer ist Tanja?«

»Der Hund, Herr. Er findet den Weg allein nach Zabari.«

Ralf griff in die Tasche und reichte Jossip 100 Dinare hin. Jossip hob abwehrend die Hand.

»Ich will kein Geld«, sagte er langsam. »Ich werde Tanja ins Dorf schicken, und man wird dich holen. Und wenn der Wagen wieder fahren kann, wirst du schnell das Land verlassen - dafür nehme ich kein Geld.«

Er wandte sich ab und ging den Pfad zurück, den er gekommen war. Verblüfft sah ihm Ralf nach. Er steckte den 100-Dinare-Schein wieder ein und setzte sich zurück auf den Kotflügel. »Nicht gerade höflich, der gute Jossip«, meinte er leise und beobachtete, wie wenig später mit lautem Gebell ein großer Hund durch die Felsen rannte und in einer Schlucht verschwand. Von Jossip hörte und sah er nichts mehr - auch von seiner Herde vernahm er nichts. Es war, als gehe alles Leben in dieser grandiosen Stille und einmaligen Größe der Felsen zugrunde, als verschlucke die Landschaft alle Regungen und ließ alles um sich herum erstarren wie Lava, die träge den Berg hinabfließt und als neue, tötende Kruste die Erde umschließt.



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