
Paulo Coelho
Das Märchen von den zwei Straßen
Eine Geschichte über Zwietracht und Versöhnung
Jahrhunderte bevor wir mit Neuigkeiten über die Auswirkungen der sogenannten Globalisierung überflutet wurden, erzählte der Scheich Qualander Shah in seinem Buch »Asrar-I-Khilwatia« (Geheimnisse des Alleinseins) folgende Geschichte.
Im fernen Osten von Armenien gab es einst ein kleines Dorf, welches sich entlang von zwei parallel laufenden Straßen entwickelt hatte, die bekannt waren als die »Südstraße« und die »Nordstraße«. Eines Tages wanderte ein Fremder entlang der Südstraße und er beschloß auch die andere Straße zu besuchen; die örtlichen Kaufleute bemerkten allerdings, dass seine Augen voller Tränen waren.
»Irgendjemand in der Südstraße muß wohl gestorben sein«, sagte der Schlachter zum Tuchhändler. »Sieh nur, wie dieser arme Fremde weint, der gerade von dort kommt.«
Ein Kind hörte zufällig diese Äußerung und begann verzweifelt zu weinen, denn es wusste bereits, dass der Tod etwas sehr Trauriges war. Bald darauf weinten alle Kinder in der Straße.
Höchst beunruhigt entschied der Fremde, sogleich abzureisen. Die Zwiebeln, die er sich zum Essen geschält hatte und die der Grund für seine tränenden Augen waren, warf er weg und er entfernte sich eilends.
Die Mütter waren erschrocken, als sie ihre Kinder weinen sahen und wollten sofort herausfinden, was geschehen war. Sie entdecken, dass der Schlachter, der Tuchhändler und inzwischen auch andere Kaufleute höchst beunruhigt waren über die Tragödie, die sich in der Südstraße ereignet hatte.
Danach flogen die Gerüchte mit Windeseile und da das Dorf nur wenige Einwohner hatte, wusste sehr bald jeder, der in der Nähe der beiden Straßen wohnte, dass etwas Schreckliches geschehen war. Die Erwachsenen fürchteten das Schlimmste und besorgt wegen des möglichen Ausmaßes der Tragödie entschiedenen sie sich, keine Nachfragen zu stellen, um die Situation nicht noch weiter zu verschlechtern.
