
Ein blinder Mann, der in der Südstraße wohnte und nicht verstand, was vor sich ging, fragte: »Warum gibt es soviel Traurigkeit an einem Ort, der bisher immer von Glück erfüllt gewesen ist?«
»Etwas Furchtbares ist in der Nordstraße passiert,« antwortete einer der Dörfler. »Die Kinder weinen, die Männer schauen sorgenvoll drein, die Mütter rufen Ihre Kinder zurück nach Hause und der einzige Besucher, der nach vielen Jahren in dieses Dorf gekommen ist, verschwand mit Augen voller Tränen. Vielleicht ist in der anderen Straße eine Seuche ausgebrochen.«
Nur wenig später hatte sich das Gerücht über den Ausbruch einer tödlichen, bisher unbekannten Seuche im ganzen Dorf ausgebreitet. Und weil das Weinen mit dem Besuch des Fremden in der Südstraße begonnen hatte, waren sich die Bewohner der Nordstraße einig, dass die Plage dort ihren Anfang genommen haben mußte.
Noch vor Einbruch der Dunkelheit hatten die Bewohner beider Straßen ihre Häuser verlassen und strebten in die östlichen Berge.
Heute, Jahrhunderte später, ist das Dorf, durch das der zwiebelschälende Fremde wanderte, immer noch völlig verlassen. Nicht weit entfernt entwickelten sich zwei neue Dörfer, genannt Oststraße und Weststraße.
Die Einwohner beider Dörfer, Nachfahren des alten Dorfes, sprechen immer noch nicht miteinander, weil Zeit und Legende eine Mauer der Angst zwischen ihnen aufgebaut haben; sie sind überzeugt davon, dass die Welt, in der sie leben, in große Gefahr geraten könnte, wenn sie wieder miteinander in Kontakt treten würden.
Scheich Qalander Shah bemerkt dazu: »In der Welt geht es nicht um die Dinge selbst, sondern um unsere Einstellung ihnen gegenüber.«
Wenn wir auf die heutige Welt schauen, merken wir, wie bedeutsam diese Geschichte noch immer ist. Der oder die betreffende Reisende müsste am Ende der 90iger Jahre bei der Wanderung über eine der Hauptstraßen des »Weltdorfes« in schallendes Gelächter ausgebrochen sein...
