
Simon R. Green
Das Regenbogen-Schwert
Wir kennen aus jenen Tagen viele Legenden über tapfere, tollkühne Recken.
Dies hier ist keine davon.
KAPITEL EINS
Das Regenbogen-Schwert
PRINZ RUPERT LENKTE sein Einhorn in den Schlingpflanzenwald und spähte verdrießlich durch den Nieselregen, während er halbherzig nach dem Floh fahndete, der sich irgendwo unter seinem Brustharnisch verkrochen hatte. Trotz der feuchten Kälte schwitzte er fürchterlich unter dem Gewicht seiner Rüstung, und seine Stimmung war so tief gesunken, dass er sie fast aus den Augen verloren hatte. »Zieh aus, mein Sohn, und erlege einen Drachen!«, hatte ihn König Johann unter dem Beifall der Höflinge aufgefordert. Die hatten leicht jubeln. Schließlich mussten sie dem Drachen nicht persönlich gegenübertreten. Oder zur Regenzeit in voller Rüstung durch den Schlingpflanzenwald reiten. Rupert gab die Suche nach dem Floh auf und zerrte unbeholfen an seinem Helm, aber das brachte auch nichts. Das Wasser tropfte ihm weiterhin ins Genick.
Hohe, dicht gedrängte Bäume säumten den schmalen Pfad und verschwammen zu einem grünlichen Halbdunkel, das seine Stimmung widerspiegelte. Dicke, fleischige Lianen wickelten sich um die Stämme und hingen in verfilzten Knäueln von den Zweigen. Eine schwere, düstere Stille lag über dem Schlingpflanzenwald. Die einzigen Laute waren die Regentropfen, die unentwegt von den wasserschweren Ästen der Bäume rieselten, und die gedämpften Hufschläge des Einhorns. Zäher Schlamm und abgefallenes Laub machten den gewundenen, Jahrhunderte alten Pfad noch glitschiger als sonst, und das Einhorn schlitterte und stolperte vor sich hin, während es Prinz Rupert tiefer in den Schlingpflanzenwald trug.
Rupert starrte finster umher und seufzte tief. Sein Leben lang hatte er begierig gelauscht, wenn die Barden an langen, dunklen Winterabenden mit getragenem Ernst von den glorreichen Abenteuern seiner Vorfahren sangen.
