Er erinnerte sich, wie er als Kind mit weit aufgerissenen Augen und offenem Mund am Feuer im Großen Saal gesessen und mit wohligem Entsetzen die Geschichten von bösen Riesen und Hexen aufgesogen hatte, die Legenden von Zauberschwertern und Ringen, die ihrem Träger Macht verliehen. Unter dem Einfluss der Familiensagen hatte sich Rupert seit frühester Jugend geschworen, eines Tages den Helden zu geben wie Großonkel Sebastian, der drei Jahre seines Lebens für drei Wünsche eintauschte und damit Prinzessin Elaine aus dem Vermauerten Turm befreite. Oder wie Großvater Eduard, der mutterseelenallein der schrecklichen Nachthexe gegenübergetreten war, von der man sich erzählte, sie verdanke ihre verführerische Schönheit der Tatsache, dass sie im Blut von Jungfrauen bade.

Nun bekam er endlich die Gelegenheit, sich als Held zu erweisen, und was machte er daraus? Ein Riesen-Schlamassel! Im Grunde, so fand Rupert, war das alles die Schuld der Barden. Die ließen sich so lang und breit über Recken aus, die ein Dutzend Feinde mit einem einzigen Schwertstreich erledigten, weil sie reinen Herzens waren, dass sie nicht mehr dazu kamen, die eigentlich wichtigen Dinge zu schildern: wie man verhindern konnte, dass es in die Rüstung tropfte, um nur ein Beispiel zu nennen, wie man unbekannte Früchte mied, die einen elenden Durchmarsch verursachten, oder wie man unterwegs ohne große Schinderei eine Latrine aushob. Es gab vieles im Umfeld eines Helden, das die Barden mit keinem Wort erwähnten. Rupert steigerte sich gerade in eine echt miese Laune hinein, als das Einhorn unter ihm plötzlich strauchelte.

»Vorsicht!«, schrie der Prinz.

Das Einhorn blies arrogant durch die Nüstern. »Du hast leicht reden, da droben in deinem Sattel. Wem bleibt denn die ganze Schinderei? Die Rüstung, in der du steckst, wiegt mindestens eine Tonne. Lange macht mein Kreuz das nicht mehr mit.«



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