«Was haben Sie denn gedacht?«schrie mich Sellnow an.»Selbstverständlich ist das eine Perforation, der Mann muß sofort operiert werden. «Und dann schlug er sich mit der Faust gegen die Stirn und schrie:»Aber womit, Schultheiß, womit, wir haben noch nicht einmal ein lausiges Skalpell!«

Sein Gesicht war knallrot angelaufen. Er sah geradezu beängstigend aus. Ich wollte etwas Beruhigendes sagen, als sich die Tür öffnete: Dr. Fritz Böhler, unser Chef, mußte sich etwas bücken, um mit dem Kopf nicht an den oberen Balken zu stoßen. Sein langes schmales Gesicht mit der überhohen Stirn, den mandelförmigen Augen, der langen Nase mit dem engen Sattel und dem zusammengekniffenen dünnlippigen Mund trug deutlich den Stempel, den ihm Jahre der Kriegsgefangenschaft aufgeprägt hatten. Das an den Schläfen ergraute Haar hatte die peinliche Ordnung verloren, auf die er so großen Wert legte. Seine schmutzige Wolljacke stand über der Brust offen, das Hemd darunter war zerknittert und feucht von Schweiß.

«Gehen Sie hinüber, Pelz«, sagte er leise,»und bereiten Sie den Patienten auf die Operation vor.«

Der Sanitäter Pelz sah ihn erstaunt an und ging dann wortlos hinaus.

«Und womit wollen Herr Stabsarzt operieren?«fragte Sellnow und machte nicht einmal den Versuch, den Hohn in seiner Stimme zu unterdrücken.

«Natürlich mit dem Messer, Herr von Sellnow«, antwortete Böhler ungerührt.

Sellnow hob die Hand mit einer Geste, die >wohl verrückt geworden< bedeuten konnte, dann besann er sich und ließ die Hand sinken. Er trat an Böhler heran und fragte heiser:»Mit welchem Messer?«

Böhler griff in die Tasche und zog dann die Hand wieder heraus. Als er sie öffnete, lag ein Taschenmesser darin. Ein gewöhnliches, altes zweiklingiges Taschenmesser, wie wir es alle als Jungen in billigen Geschäften kauften.

«Einer unserer Leute hat es mir gegeben«, lachte Dr. Böhler,»der gute Kerl hat verstanden, es vor allen Filzungen durch die Russen zu retten.«



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