Der Rabe flog auf. Elia wartete weiter auf Isebels Soldaten, denn einmal sterben genügte.

Der Tag verging, ohne daß etwas geschah. Sollten sie vergessen haben, daß der größte Feind ihres Baal noch am Leben war? Warum verfolgte ihn Isebel nicht, obwohl sie doch wissen mußte, wo er sich befand?

»Weil ich es in ihren Augen gelesen habe, und sie ist eine kluge Frau«, sagte er sich. »Mein Tod würde mich zu einem Märtyrer des Herrn machen. Als Flüchtling bin ich nur ein Feigling, der selbst nicht glaubt, was er sagt.« Ja, genau das war die Strategie der Prinzessin.

Kurz vor Einbruch der Nacht ließ sich ein Rabe – derselbe? – auf dem Ast nieder, auf dem er ihn schon am Morgen gesehen hatte. In seinem Schnabel hielt er ein kleines Stück Fleisch, das er plötzlich fallen ließ.

Für Elia war es ein Wunder. Er lief zum Baum, griff sich das Stückchen und aß es. Er wußte nicht, woher es kam, und wollte es auch nicht wissen. Hauptsache, er konnte seinen Hunger ein wenig stillen.

Seine jähe Bewegung hatte den Vogel nicht verscheucht.

>Dieser Vogel weiß, daß ich hier Hungers sterben werde<, dachte Elia. >Er ernährt seine Beute, um später ein üppigeres Mahl zu haben.< Isebel gab mit Elias Flucht auch dem Glauben an Baal neue Nahrung.

Geraume Zeit beäugten der Mensch und der Vogel einander.

»Ich würde mich gern mit dir unterhalten, Rabe. Heute morgen dachte ich, daß die Seelen Nahrung brauchen. Wenn meine Seele noch nicht Hungers gestorben ist, dann nur, weil sie noch etwas zu sagen hat.« Der Rabe regte sich noch immer nicht.

»Und wenn sie etwas zu sagen hat, dann muß ich ihr stumm zuhören, weil ich sonst niemanden habe, mit dem ich sprechen kann«, fuhr Elia fort.



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