Das Buch war ein Jugendkrimi. Der Rabbi legte es unter seinen Sessel auf den Boden. Musik von oben verriet, daß Max nun soweit war, um nach seiner Harmonika zu greifen. Wenn sie Zeit genug hatten, spielte Rabbi Kind seinem sechzehnjährigen Sohn gegenüber gern die Rolle des Saul, der David lauscht; jetzt aber wußte er, daß Max ohne väterlichen Einspruch kein Frühstück essen würde. Er rief nach dem Sohn, und die Musik brach ab, mitten in einem dieser Pseudo- folk songs. Wenige Minuten danach saß Max frisch gewaschen, die Haare noch naß, mit den andern zu Tisch. »Eigentlich fühl ich mich heute recht alt«, sagte der Rabbi. Max lachte. »Aber Pop, du bist doch noch das reinste Kind«, sagte er und langte nach dem bleichsüchtigen Toast. Während der Rabbi sein Ei mit dem Löffel öffnete, überfiel ihn die Trübsal wie eine Wolke von Mrs. Moscowitz' Parfüm: die weichgekochten Eier waren hart. Die Kinder aßen die ihren ohne zu klagen, lediglich um den Hunger zu stillen, und er das seine ohne Genug, nur ihnen zusehend. Zum Glück, dachte er, ähneln sie ihrer Mutter, mit ihrem kupfrigen Haar, den kräftigen weißen Zähnen und ihren Gesichtern, die man sich ohne Sommersprossen einfach nicht vorstellen konnte. Zum erstenmal fiel ihm auf, daß Rachel blaß war. Er langte über den Tisch, faßte nach ihrem Gesicht, und sie rieb ihre Nase in seinem Handteller.

»Geh heute nachmittag ins Freie«, sagte er. »Steig auf einen Baum. Setz dich irgendwo draußen hin. Schnapp ein wenig frische Luft.« Er sah den Sohn an. »Vielleicht nimmt dich dein Bruder sogar zum Eislaufen mit, der große Sportler?«

Max winkte ab. »Aussichtslos. Scooter stellt heute nachmittag das Team auf, die endgültige Besetzung. Übrigens, könnte ich nicht Eishockeyschuhe kriegen, sobald mein Chanukka-Scheck von Großvater Abe kommt?«

»Du hast ihn noch nicht. Wenn er da ist, reden wir weiter.« »Papa, kann ich in unserem Weihnachtsspiel die Maria spielen?«

»Nein.«



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