Die aber auf Einhaltung dieser Sitte gesehen hatte, war Leslie, die Frau des Rabbi, und sie fehlte hier nun schon seit drei Monaten. Der Platz neben seinem Gedeck war leer.

Rachel, das Kinn auf dem Leinentischtuch, folgte mit ihrem Blick den Zeilen des Buches, das sie gegen die Zuckerdose gelehnt hatte. Sie trug das blaue »Matrosen«. Alle Knöpfe waren säuberlich geschlossen, auch trug sie saubere weiße Halbstrümpfe, aber vor dem dichten Blondhaar hatte die Ungeduld ihrer acht Jahre wie üblich kapituliert. Nun las sie hastig und konzentriert, verschlang den Text Zeile um Zeile, in dem Be-streben, so viel als möglich davon in sich hineinzustopfen, bevor die, wie sie wußte, unvermeidliche Störung sie unterbrach. Immerhin, der Eintritt von Mrs. Moscowitz, welche den Orangensaft brachte, ließ ihr noch einige Sekunden.

»Guten Morgen, Rabbi«, sagte die Haushälterin freundlich. »Guten Morgen, Mrs. Moscowitz.« Dabei tat er, als merkte er ihr Stirnrunzeln nicht. Seit Wochen schon hatte sie ihn gebeten, sie doch Lena zu nennen. Mrs. Moscowitz war die vierte Haushälterin in den elf Wochen von Leslies Abwesenheit. Sie ließ das Haus verkommen, die Spiegeleier verbraten, sie kümmerte sich nicht um all die Wünsche nach zimmes und kuglen, und was immer sie buk, war Teig aus der Packung, für den sie überdies reiches Lob erwartete.

»Wie wünschen Sie die Eier, Rabbi?« fragte sie, während sie das Glas eisgekühlten Orangensafts vor ihn hinstellte, von dem er wußte, daß er wässerig und nachlässig aufgerührt sein werde. »Weichgekocht, Mrs.

Moscowitz, wenn Sie so gut sein wollen.« Er wandte sich seiner Tochter zu, die inzwischen zwei weitere Seiten hinter sich gebracht hatte.

»Guten Morgen. Es ist wohl besser, wenn ich dir die Haare frisiere.«

»Morgen.« Sie blätterte um. »Wie ist das Buch?« »Langweilig.«

Er nahm es und betrachtete den Titel. Sie seufzte, wissend, daß das Spiel nun verloren war.



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