Sie küsste ihn auf die Wange, verzichtete aber darauf, ihm ihr Beileid auszudrücken. Nach dem, was sie gehört habe, sagte sie, und das sei wenig, da die Briefe die Fronten passieren müssten, befinde sich ihr Gatte wohlauf und außer Gefahr. Als Apotheker habe man ihn bei seinem Eintritt in die Armee zum Verwalter eines kleinen Armeelazaretts in Georgia gemacht, und inzwischen sei er Kommandant eines größeren Lazaretts am Ufer des James River in Virginia. Sein letzter Brief, erzählte sie weiter, habe die traurige Nachricht enthalten, dass sein Bruder, Joseph Reuben Geiger, ein Apotheker wie alle anderen männlichen Familienmitglieder, der sich zur Kavallerie gemeldet hatte, in der Schlacht gefallen sei.

Shaman nickte, und auch er vermied es, Beileid auszusprechen, wie es inzwischen als selbstverständlich galt.

Und wie ging es den Kindern?

»Könnt’ nicht besser sein. Die Jungen sind so gewachsen, dass Jay sie nicht wiedererkennen würde. Sie essen wie die Tiger.«

»Und Rachel?«

»Sie hat letzten Juni ihren Mann, Joe Regensberg, verloren. Er ist am Typhus gestorben - wie dein Vater.«

»Ach«, sagte er mit belegter Stimme. »Ich habe gehört, dass letzten Sommer in Chicago der Typhus grassiert hat. Geht es ihr gut?«

»O ja. Rachel geht es sehr gut - und ihren Kindern auch. Sie hat einen Sohn und eine Tochter.« Lillian zögerte.

»Sie hat sich mit einem anderen Mann angefreundet, einem Cousin von Joe. Nach ihrem Trauerjahr wird die Verlobung offiziell bekanntgegeben.«

So? Verwunderlich, dass ihn das immer noch berührte, dass es ihn so tief traf. »Und wie fühlt man sich so als Großmutter?«

»Sehr gut«, erwiderte sie, verließ ihn dann und begann eine leise Unterhaltung mit Mrs. Pratt, deren Land an das der Geigers angrenzte.

Gegen Abend lud Shaman Essen auf einen Teller und brachte ihn zu Alden Kimballs stickiger kleiner Hütte, die immer nach Holzrauch roch. Der Knecht saß in der Unterwäsche auf seiner Koje und trank aus einem Krug.



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