
Die Frau schenkte ihr Kaffee nach.»Sie sehen ja furchtbar blaß aus! Es muß schlimm für Sie gewesen sein. Die arme, arme Eva! Ich kann es überhaupt nicht fassen!«In ihrer Stimme klangen Tränen.
«Eva?«fragte Leona.»Hieß sie so?«Sie verbesserte sich sofort:»Heißt sie so?«
«Eva Fabiani. Wir sind eng befreundet, wissen Sie. Ich wohne in der Wohnung direkt unter ihr. Aber ich habe nichts mitbekommen. Ich war auf meinem Balkon draußen, und der geht nach der anderen Seite hinaus.«
Der Kaffee war heiß und stark. Wahrscheinlich nicht unbedingt das Richtige für ihren frisch behandelten Zahn, aber angesichts der jüngsten Ereignisse erschien Leona ihr Zahn unbedeutend.
«Ich mache mir entsetzliche Vorwürfe«, sagte die Frau.»Ich hätte wissen müssen, daß so etwas irgendwann passiert. Ich glaube, ich konnte mir nicht vorstellen, daß sie es wirklich tut. Ich hätte nie den Mut.«
«Sie war wohl sehr verzweifelt«, meinte Leona. Das Bild drängte sich wieder auf. Die Frau auf dem Gehsteig. Die Arme und Beine, die wie zufällig hingegossen dalagen, als hingen sie gar nicht mehr mit dem Körper zusammen. Was etwa auch den Tatsachen entsprochen haben mußte. Als sie Eva auf die Tragbahre luden, hatte einer der Sanitäter gesagt:»Die ist ja buchstäblich in Stücke zerbrochen!«
«Ja, sie war verzweifelt«, sagte die Frau mit dem Kaffee,»aber ich hatte in der letzten Zeit das Gefühl, es ginge ihr besser. Sie ist vor vier Jahren geschieden worden. Damals zog sie hier ins Haus. Sie und ihr Exmann hatten das gemeinsame Haus in Kronberg verkauft, und von ihrem Anteil hat sie sich die oberste Wohnung gekauft. Eine besonders schöne Wohnung. Wunderbare Terrasse nach hinten hinaus. Die Scheidung hatte sie furchtbar mitgenommen. Sie suchte unmißverständlich Anschluß, und ich habe mich um sie gekümmert. Ich bin auch sehr viel allein. Es schien ihr langsam besserzugehen. Aber vor einem dreiviertel Jahr hat ihr geschiedener Mann…«
