
Jupp winkt mir:»Hörst du, da ist es wieder!«
«Was denn?«
«Die Granaten von vorhin.«
Kosole rührt sich und gähnt. Dann erhebt er sich, sieht seine schwere Faust bedeutungsvoll an, schielt nach Jupp und erklärt:»Mann, wenn du uns jetzt aber wieder Fiole vorgemacht hast, kannst da deine Knochen im Rübensack nach Hause schicken. «Wir lauschen. Das Zischen und Pfeifen der unsichtbaren Granatbögen wird unterbrochen durch einen sonderbaren, heiseren, langgezogenen Laut, der so seltsam und neu ist, daß mir die Haut schauert.
«Gasgranaten!«ruft Willy Homeyer und springt auf.
Wir sind alle wach und horchen angespannt.
Weßling zeigt in die Luft.»Da sind sie! Wilde Gänse!«
Vor dem trüben Grau der Wolken zieht dunkler ein Strich, ein Keil. Die Spitze steuert den Mond an, jetzt durchschneidet sie seine rote Scheibe, deutlich sind die schwarzen Schatten zu sehen, ein Winkel von vielen Flügeln, ein Zug mit quarrenden, fremden, wilden Ru- len, der sich in der Ferne verliert.
«Da gehen sie hin«, knurrt Willy.»Verflucht, wer auch so abhauen könnte 1 Zwei Flügel, und dann weg!«
Heinrich Weßling sieht hinter den Gänsen her.»Jetzt wird's Winter«, sagt er langsam. Er ist Bauer, er weiß so was.
Ludwig Breyer lehnt schwach und traurig an der Böschung und murmelt:»Das erste Mal, daß ich welche sehe.«
Aber am muntersten ist mit einem Schlage Kosole geworden. Er läßt sich die Sache rasch noch einmal von Weßling erklären und fragt vor allem, ob wilde Gänse so groß wie Mastgänse wären.»Ungefähr«, sagt Weßling.
«Meine Fresse noch mal«, Kosole zittern die Kinnbacken vor Aufregung,»dann fliegen da ja jetzt so fuffzehn, zwanzig tadellose Braten durch die Luft!«
Wieder rauscht es von Flügeln dicht über uns, wieder stößt uns der rauhe, kehlige Ruf wie ein Habicht in die Schädel, und das Klatschen der Schwingen vereinigt sich mit den ziehenden Schreien und den Stößen des stärker werdenden Windes zu einem heftigen, jähen Begriff von Freiheit und Leben.
