Drei Tage lang wollte Max kündigen. Am vierten wusste er, dass er auf täglich zehn Briefe, zwanzig Anrufe und dreißig E-Mails Fanpost nicht mehr verzichten wollte. Außerdem war sein Bett zu leer, um nicht schlafen zu können, wie er es bereits gewohnt war; so schlief er schlecht und träumte depressiv. Am fünften Tag suchte er Kurt II. Am sechsten Tag fand er ihn. (Am Abend des sechsten Tages schrieb er für »Horizonte« zum vierten Mal »In den Wind gesabbert«.)

Der Kynologenverband hatte ihm Zugang zum »Verein der Freunde des Deutsch-Drahthaar« verschafft. Schon die Menschen dort ähnelten Kurt I optisch sehr. Bei den Hunden war die Übereinstimmung noch größer: Jeder von ihnen konnte Kurt sein. Fünf Exemplare waren gerade auf »Herrl- Suche«. Zwei schliefen fest, einer döste, einer gähnte. Und einer - auch er schien zunächst zu schlafen und Max glaubte bereits, den »Verein der Freunde des Deutsch-Drahthaar« als Valium-Sekte entlarvt zu haben -, dieser fünfte startete aus flacher Bodenlage senkrecht in die Höhe, biss sich im Flug in den Schwanz und landete offenbar zu seiner eigenen größten Überraschung hellwach auf vier Pfoten, ein Phänomen, von dem er sich minutenlang nicht erholte. »Das ist Mythos, er kommt aus Kreta«, meinte der Züchter. »Nein, das ist Kurt und er kommt zu mir«, entgegnete Max triumphierend.

Die Geschichte nähert sich ihrer zweiten Tragödie. Kurt II alias Mythos und von nun an für immer Kurt war am Tag des Erwerbs von einer Biene gestochen worden. Der steile Sprung war sein erster und letzter, ein einmaliges Kunststück, sein einziges kräftiges Lebenszeichen. Ab diesem Zeitpunkt bewegte er sich wie Kretas Ureinwohner um zwei Uhr mittags im Juli: nicht.

Die vierte Kolumne »In den Wind gesabbert« schien noch einmal den alten Kurt wachzurufen: »Wie Kurt zum Himmel steigt und wie ein Komet zur Erde zurückkehrt.« Für Max war das ein wehmütiger Nachruf, für die Leser der vierte Teil einer glanzvollen hundeathletisch-humoristischen Serie.



10 из 185