
Elli hatte viele Sorgen. Sie mußte der Mutter in der Wirtschaft helfen und beim Vater lesen, schreiben und rechnen lernen; denn die Schule war weit entfernt, und Elli war noch zu klein, um jeden Tag hinzugehen.
An einem Sommerabend saß sie auf der Treppe des Häuschens und las laut in einem Märchenbuch, während Mutter Anna Wäsche wusch.
«Und da sah der mächtige Riese Arnaulf den Zauberer, der so hoch wie ein Turm war», las Elli in singendem Tonfall, während ihr Finger die Zeilen entlangglitt. «Flammen schossen aus dem Mund und der Nase des Zauberers.»
«Mutti, gibt es jetzt Zauberer?» fragte Elli aufblickend.
«Nein, mein Kind. Zauberer gab es einst, doch dann verschwanden sie. Ich wußte nicht, wer sie braucht. Auch ohne sie gibt es Sorgen genug…»
Elli rümpfte drollig die Nase:
«Ja, aber ohne Zauberer ist es doch langweilig. Wenn ich Königin wäre, würde ich unbedingt Befehl geben, daß jede Stadt und jedes Dorf einen Zauberer hat. Und daß er für die Kinder allerlei Wunder tut.»
«Welche zum Beispiel?» lächelte die Mutter.
«Nun… daß jedes Mädelchen und jeder Junge, wenn sie morgens aufwachen, einen großen Pfefferkuchen unterm Kissen finden… Oder…» Elli schaute mißmutig auf ihre derben, ausgetretenen Schuhe, «…daß alle Kinder schöne leichte Schuhe haben…»
«Schuhe bekommst du auch ohne Zauberer», entgegnete Mutter Anna. «Vater nimmt dich auf den Markt mit und kauft dir welche…»
Während das Mädchen mit der Mutter sprach, verdunkelte sich der Himmel.
* * *Zur gleichen Stunde saß in einem fernen Lande hinter hohen Bergen die böse Hexe Gingema in einer tiefen, finsteren Höhle und zauberte.
Es war unheimlich in dieser Höhle.
