»Ich wußte nicht, daß Gefangene gesandt wurden. Warum wurde mir das nicht gesagt?«

»Gefangene werden nachts gebracht, und ganz geheim, wie es das alte Ritual der Gräber vorschreibt. Wenn meine Herrin dem Pfad folgt, der sich der Mauer entlang windet, wird sie den geheimen Weg erkennen.«

Arha bog vom Weg ab und ging an der Mauer entlang, die die Grabsteine umschloß, die sich hinter dem Gebäude der Thronhalle befanden. Die Steine der Mauer waren massiv, der kleinste war schwerer als ein Mensch und die größten waren so groß wie Wagen. Obgleich sie nicht zugehauen waren, sah man, daß sie sorgfältig gefügt und zueinandergepaßt waren. Doch es gab Stellen, wo die Steine abgerutscht waren und jetzt in einem unordentlichen Haufen aufeinanderlagen. Diese Zerstörung mußte sich über einen unendlich langen Zeitraum erstreckt haben, über Jahrhunderte unerbittlichen Wüstenklimas, brennendheißen Sommern und frostigen Nächten, oder sie war auf das unmerkliche Verschieben der Hügel selbst zurückzuführen.

»Es ist sehr leicht, die Grabmauer zu übersteigen«, sagte Arha, als sie an ihr entlang gingen.

»Es gibt nicht genügend Männer, die sie wieder herrichten könnten«, erwiderte Kossil.

»Wir haben genügend Männer, um sie zu bewachen.«

»Das sind Sklaven. Ihnen kann man nicht trauen.«

»Man kann ihnen trauen, wenn sie sich fürchten. Man sage ihnen, daß sie genauso bestraft werden wie der Fremde, dem es gelingt, seinen Fuß auf den Boden innerhalb der Mauer zu setzen.«

»Welche Strafe steht darauf?« Kossil stellte diese Frage nicht, um etwas Neues zu erfahren. Sie selbst hatte Arha vor langer Zeit die Antwort darauf gelehrt.

»Er wird vor dem Thron enthauptet.«

»Wünscht meine Herrin, daß einWächter an der Gräbermauer aufgestellt wird?«

»Ja, das ist mein Wunsch!« antwortete Arha. Sie preßte ihre Finger, die in den langen, schwarzen Ärmeln ihres Umhangs verborgen waren, gegen ihre Handflächen, um ihre Freude zu unterdrücken.



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