Arha nickte. Sie schaute hinauf ins Gesicht der alten Frau, und es schien ihr einen seltsamen Anblick zu bieten, bleich, mit kaum unterdrückter Furcht, und doch triumphierend, als genieße sie Arhas Schwäche.

»Das nächste Mal gehe ich allein«, sagte Arha und versuchte sich von Kossil abzuwenden, doch ihre Beine versagten ihr, und die Zelle drehte sich vor ihren Augen. Sie fiel in Ohnmacht, ein kleines, schwarzes Bündel, vor den Füßen der Priesterin.

»Du wirst es lernen«, sagte Kossil und atmete schwer, ohne sich zu rühren. »Du wirst es lernen.«

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TRÄUME UND GESCHICHTEN

Arha war ein paar Tage lang krank. Man behandelte sie, als ob sie Fieber hätte. Sie lag im Bett oder saß in der warmen Herbstsonne auf der Veranda des Kleinhauses und blickte hinüber auf die Berge im Westen. Sie fühlte sich schwach und kam sich sehr dumm vor. Sie mußte immer wieder an das gleiche denken: Sie schämte sich, daß sie in Ohnmacht gefallen war. Es war kein Wachtposten an der Gräbermauer aufgestellt worden, und sie wußte, daß sie es nie mehr wagen würde, Kossil darum zu bitten. Es wäre ihr am liebsten gewesen, wenn sie Kossil nie wieder hätte sehen müssen, nie mehr. Denn sie schämte sich, daß sie in Ohnmacht gefallen war.

Oftmals, wenn sie in der warmen Sonne saß, malte sie sich aus, wie sie sich das nächste Mal dort unten in der Dunkelheit unter dem Hügel verhalten würde. Oft stellte sie sich vor, welche Todesart sie für die nächste Gruppe Gefangener anordnen würde, eine ausgefallenere ganz gewiß, eine, die dem Ritual des Leeren Thrones mehr entsprechen würde.

In jeder Nacht wachte sie in der Dunkelheit auf und hörte sich schreien: »Sie sind noch nicht tot! Sie sterben noch!«

Sie hatte viele Träume. In einem Traum mußte sie Essen kochen, Riesentöpfe voll schmackhaftem Brei, die sie in ein dunkles Loch im Boden schüttete. In einem anderen mußte sie einen Behälter voll Wasser, es war ein großes Messingbecken voll, durch die Dunkelheit zu jemandem hintragen, der durstig war. Aber sie konnte diesen Menschen nicht erreichen. Sie wachte auf und war selbst durstig, aber sie stand nicht auf, um zu trinken. Sie blieb auf ihrem Bett in dem Raum ohne Fenster liegen. Ihre Augen waren weit offen.



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