
Nackte rauhe Felswände wölbten sich über ihr und umgaben sie in dem kleinen Lichtkreis. Es roch nach Verwesung. Vor und hinter ihr gähnte der schwarze Gang.
Alle Gänge, die sie überquerte und durchschritt, waren gleich. Sie paßte sorgfältig auf und zählte alle Biegungen und Öffnungen, während sie sich Thars Anweisungen laut vorsagte, obwohl sie diese genau kannte. Sie konnte es sich nicht leisten, sich hier zu verirren. Im Untergrab und in den kleinen Gängen darum herum würden Kossil oder Thar oder auch Manan sie wiederfinden. Manan hatte sie ein paar Mal mit hinuntergenommen. Aber hier war noch keiner vor ihr gewesen: sie war die einzige. Es würde ihr wenig nutzen, wenn die anderen im Untergrab nach ihr rufen würden und sie eine halbe Meile weiter weg im Schneckengewinde irgendeines Gangs steckte. Sie stellte sich vor, wie sie das Echo ihrer Stimmen hörte, das die Gänge entlang hallte, wie sie versuchen würde, sie zu erreichen, aber, völlig verloren, würde sie sich nur noch weiter von ihnen entfernen. Sie konnte sich das so deutlich vorstellen, daß sie innehielt und sich einbildete, eine Stimme zu vernehmen, die nach ihr rief. Aber alles war still. Sie würde sich nicht verirren. Sie paßte scharf auf. Hier war ihr Reich, ihr eigenstes Gebiet. Die Mächte der Dunkelheit, die Namenlosen, würden ihre Schritte leiten, wie sie die Schritte jedes anderen Sterblichen, der sich ins Labyrinth wagte, irreführen würden.
Das erste Mal ging sie nicht weit, aber doch weit genug, um dieses seltsame, bittere und zugleich angenehme Gefühl der Einsamkeit und der Unabhängigkeit zu verspüren, das in ihr stark wurde, das sie immer wieder zurücktrieb und doch jedes Mal etwas weiter zu gehen veranlaßte. Sie erreichte den Bemalten Raum und die Sechs Wege, folgte dem langen Außentunnel und drang durch das Gewirr der Gänge, die in den Knochenraum führten.
»Wann wurde das Labyrinth gegraben?« fragte sie Thar, und die hagere, strenge Priesterin antwortete: »Herrin, ich weiß nicht. Niemand weiß es.«
