
»He, Tenar, mein kleiner Honigkuchen, da bist du ja!« Die Stimme war heiser, so hoch wie die einer Frau, aber es war keine Frauenstimme. »Ich sollte ja nicht hier sein. Ich gehöre nicht hierher. Ich sollte auf der Veranda bleiben, ich gehe auch wieder zurück. Aber ich muß doch schauen, wie es meiner kleinen Tenar geht nach diesem langen, anstrengenden Tag. Ah, wie geht es meinem kleinen Honigkuchen?«
Er bewegte sich auf das Mädchen zu, langsam und füllig, und streckte seine Hand aus, als wolle er ihm die Haare zurückstreichen.
»Ich bin nicht mehr Tenar«, sagte das Kind und starrte ihn an. Seine Hand hielt inne, er berührte es nicht.
»Nein«, sagte er flüsternd nach einer Weile. »Ich weiß, ich weiß. Jetzt bist du die kleine Verzehrte. Aber ich …«
Das Mädchen sagte nichts.
»Es war ein anstrengender Tag für so ein kleines Mädchen«, sagte der Mann und bewegte sich unschlüssig hin und her, das flackernde kleine Licht in seiner großen gelben Hand haltend.
»Du solltest nicht in diesem Haus sein, Manan.«
»Nein, nein, ich weiß. Ich sollte nicht in diesem Haus sein. Nun, gute Nacht, Kleines … Gute Nacht.«
Das Kind erwiderte nichts. Manan wandte sich langsam um und ging fort. Das Licht erstarb an den hohen Wänden der Zelle. Das kleine Mädchen, das keinen Namen mehr hatte außer Arha, die Verzehrte, lag auf dem Rücken und blickte unentwegt in die Dunkelheit.
2
DIE MAUER UM DIE STÄTTE
Als sie älter wurde, verlor sie alle Erinnerung an ihre Mutter, doch sie war sich nicht bewußt, daß sie die Erinnerung verlor. Sie gehörte hierher an diese Gräberstätte, sie kannte nichts anderes als diese Gräberstätte.
