Das kleine Mädchen wurde von Zimmer zu Zimmer, von Tempel zu Tempel geführt. An einer bestimmten Stelle wurde Salz auf seine Zunge gestreut, an einer anderen wurde sein Haar kurz geschnitten und mit Öl und gewürztem Essig gewaschen; an einem bestimmten Ort legte es sich mit dem Gesicht nach unten auf einen Block aus schwarzem Marmor hinter einem Altar, während Stimmen einen schrillen Trauergesang anstimmten. Weder die Kleine noch eine der anderen Priesterinnen aßen noch tranken sie Wasser den ganzen Tag lang. Als der Abendstern am Himmel aufging, wurde das kleine Mädchen nackt in ein Bett gelegt, zwischen Decken aus Schafspelzen, in einem Raum, in dem es noch nie zuvor geschlafen hatte. Er befand sich in einem Haus, das jahrelang verschlossen gewesen war und erst an diesem hohen Tag aufgeschlossen wurde. Der Raum war klein, aber sehr hoch und hatte keine Fenster. Ein Geruch des Todes hing in der Luft, unbeweglich und unheimlich. Die schweigenden Frauen ließen das Kind allein in diesem Gemach.

Das Mädchen lag, ohne sich zu bewegen, wie man es ins Bett gesteckt hatte. Seine Augen waren weit geöffnet. Lange lag es so.

Es sah einen Lichtschein an der hohen Wand zittern. Irgend jemand kam den Gang entlang, mit einem kleinen Licht aus Schilfrohr in der Hand, das er verbarg, so daß es nicht größer als ein Leuchtkäfer war. Heiser flüsterte es: »Psst, bist du da, Tenar?«

Das Kind antwortete nicht.

Ein Kopf erschien unter der Tür, ein seltsamer Kopf, ohne Haare und so glatt wie eine geschälte Kartoffel, und in der gleichen Farbe. Auch die Augen waren kartoffelartig, klein und braun. Die Nase verschwand zwischen großen, glatten Wangenpolstern, und der Mund war ein Schlitz ohne Lippen. Das Kind starrte in das Gesicht, ohne sich zu regen. Die Augen waren groß und dunkel und bewegten sich nicht.



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