Mehr als dreißig Jahre waren seither vergangen, aber die Erinnerung an jene letzten Tage, als das Reich unter den von Ost und West heranstürmenden Wogen zerfiel, war nie verblaßt. Er sah noch immer Konrads ermüdete blaue Augen vor sich und die goldenen Bartstoppeln auf seinem Kinn, als sie sich in jenem zerstörten preußischen Dorf zum Abschied die Hände schüttelten, während die Flüchtlinge in endlosem Strom vorbeizogen. Es war eine Trennung, die alles symbolisierte, was danach in der Welt geschehen war — ein Symbol der Spaltung zwischen Ost und West. Konrad wählte den Weg nach Moskau. Reinhold hatte ihn damals für einen Narren gehalten, aber jetzt war er dessen nicht mehr so sicher.

Dreißig Jahre hatte er angenommen, Konrad sei tot. Erst vor einer Woche hatte ihm Oberst Sandmeyer vom Amt für Technik die Neuigkeit erzählt. Reinhold mochte Sandmeyer nicht und war überzeugt, daß die Abneigung gegenseitig war. Aber das berührte ihr Arbeitsverhältnis in keiner Weise.

„Herr Hoffmann“, hatte der Oberst in seinem tadellosen offiziellen Ton begonnen, „es sind soeben beunruhigende Nachrichten aus Washington gekommen. Natürlich streng geheim, aber wir haben beschlossen, den Ingenieurstab einzuweihen, damit alle wissen, daß Eile geboten ist.“ Er hielt inne, um seine Worte nachhaltiger wirken zu lassen, aber dieses Manöver war an Reinhold verschwendet. Er ahnte schon, was kommen würde.

„Die Russen sind fast ebensoweit wie wir. Sie haben irgendeinen Atomantrieb gefunden, der vielleicht noch wirksamer ist als der unsere, und sie bauen am Baikalsee ein Raumschiff. Wir wissen nicht, wie weit sie sind, aber unser Geheimdienst nimmt an, daß es noch in diesem Jahr fertig wird. Sie wissen, was das bedeutet.“

Ja, dachte Reinhold, das weiß ich. Der Wettlauf ist im Gange, und wir werden ihn vielleicht nicht gewinnen. „Wissen Sie, wer dort die Arbeiten leitet?“ hatte er gefragt und eigentlich kaum eine Antwort erwartet. Zu seiner Überraschung hatte Oberst Sandmeyer ihm ein mit der Maschine beschriebenes Blatt zugeschoben, an dessen Kopf der Name Konrad Schneider stand.



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