
Die Menge war gekommen, um die abendlichen Stierkämpfe zu sehen, aber das spektakulärste Ereignis war der »Encierco« - der frühmorgendliche Auftrieb der Stiere, die später in der Arena kämpfen würden.
Zehn Minuten vor Mitternacht waren die Stiere aus den Corrales de gas, den Aufnahmekorralen, durch die verdunkelten Straßen der unteren Stadt und auf einer Brücke über den Fluss zu dem Korral am Ende der Calle Santo Domingo getrieben worden, in dem sie die Nacht verbringen würden. Morgens würden sie freigelassen werden und durch die enge Calle Santo Domingo laufen, auf der hölzerne Barrieren an jeder Kreuzung ein Entkommen verhinderten, um schließlich in die Korrale auf der Plaza de Hemingway zu gelangen, in denen sie bis zum nachmittäglichen Stierkampf bleiben würden.
Die Besucher blieben von Mitternacht bis acht Uhr morgens wach, tranken und sangen und liebten sich, weil sie vor Aufregung keinen Schlaf fanden. Wer am Stiertreiben teilnehmen würde, trug den roten Schal San Fer-mins um den Hals.
Ab Viertel vor sechs marschierten Blaskapellen durch die Straßen und spielten die ins Blut gehende Musik Navarras. Um Punkt sieben Uhr verkündete eine abgeschossene Rakete, dass die Korraltore geöffnet worden waren. Die Menge wurde von fieberhafter Erregung erfasst. Unmittelbar danach stieg eine zweite Rakete auf, um die Stadt zu warnen, dass die Stiere los waren.
Nun folgte ein unvergessliches Schauspiel.
Zuerst kam das Geräusch. Es begann mit einem schwachen, fernen, eben wahrnehmbaren Rauschen im Wind und wurde dann lauter und lauter, zu einer Explosion aus donnernden Hufen, mit der plötzlich sechs Ochsen und sechs riesige Stiere auftauchten.
