
»Interniert?«
»Als der Krieg ausbrach. Wie alle andern.«
Der Mann nickte.»Wir auch. Ich war glücklich«, sagte er dann plötzlich leise und rasch, den Kopf gesenkt, die Augen abgewandt.»Ich war sehr glücklich. Glücklicher als ich je geglaubt hätte, sein zu können.«
Ich drehte mich überrascht um. Er sah wahrhaftig nicht so aus. Er wirkte eher wie ein mittelmäßiger, etwas schüchterner Mann.
»Wann?«fragte ich.»Etwa im Lager?«
»Im letzten Sommer.«
»1939? In Frankreich?«
»Ja. Im Sommer vor dem Kriege. Ich begreife jetzt noch nicht, wie alles kam. Deshalb muß ich mit jemand darüber reden. Ich kenne niemand hier. Wenn ich mit jemand darüber rede, wird es noch einmal da sein. Es wird mir dann ganz klarwerden. Und es wird bleiben. Ich muß es nur noch einmal -«Er brach ab.
»Verstehen Sie?«fragte er nach einer Weile.
»Ja«, erwiderte ich und fügte behutsam hinzu:»Es ist nicht schwer zu verstehen, Herr Schwarz.«
»Es ist überhaupt nicht zu verstehen!«erwiderte er, plötzlich heftig und leidenschaftlich.»Sie liegt da unten in einem Zimmer, in dem die Fenster geschlossen sind, in einem scheußlichen Holzsarg, tot, und sie ist es nicht mehr! Wer kann das verstehen? Niemand! Sie nicht und ich nicht, und niemand, und wer sagt, er verstehe es, der lügt!«
Ich schwieg und wartete. Ich hatte schon öfter so mit jemand gesessen. Verluste waren schwerer durchzustehen, wenn man ohne eigenes Land war. Nichts stützte einen dann, und die Fremde wurde schrecklich fremd. Ich hatte es in der Schweiz erlebt, als ich die Nachricht erhielt, daß man meine Eltern in Deutschland im Konzentrationslager umgebracht und verbrannt hatte. Ich hatte immerfort an die Augen meiner Mutter im Feuer des Ofens denken müssen. Es verfolgte mich jetzt noch.
»Ich nehme an, Sie wissen, was der Emigrantenkoller ist«, sagte Schwarz ruhiger.
Ich nickte. Ein Kellner brachte eine Schüssel Garnelen. Ich fühlte plötzlich, daß ich sehr hungrig war, und erinnerte mich daran, daß ich seit mittags nichts gegessen hatte. Unschlüssig sah ich zu Schwarz hinüber.»Essen Sie nur«, sagte er.»Ich werde warten.«
