„Ja", erwiderte ich und fügte behutsam hinzu: „Es ist nicht schwer zu verstehen, Herr Schwarz," „Es ist überhaupt nicht zu verstehen!" erwiderte er, plötzlich heftig und leidenschaftlich. „Sie liegt da unten in einem Zimmer, in dem die Fenster geschlossen sind, in einem scheußlichen Holzsarg, tot, und sie ist es nicht mehr! Wer kann das verstehen? Niemand! Sie nicht und ich nicht, und niemand, und wer sagt, er verstehe es, der lügt!"

Ich schwieg und wartete. Ich hatte schon öfter so mit jemand gesessen, Verluste waren schwerer durchzustehen, wenn man ohne eigenes Land war. Nichts stützte einen dann, und die Fremde wurde schrecklich fremd. Ich hatte es in der Schweiz erlebt, als ich die Nachricht erhielt, daß man meine Eltern in Deutschland im Konzentrationslager umgebracht und verbrannt hatte. Ich hatte immerfort an die Augen meiner Mutter im Feuer des Ofens denken müssen. Es verfolgte mich jetzt noch.

„Ich nehme an, Sie wissen, was der Emigranten-Koller ist", sagte Schwarz ruhiger.

Ich nickte. Ein Kellner brachte eine Schüssel Garnelen. Ich fühlte plötzlich, daß ich sehr hungrig war, und erinnerte mich daran, daß ich seit mittags nichts gegessen hatte. Unschlüssig sah ich zu Schwarz hinüber. „Essen Sie nur", sagte er. „Ich werde warten."

Er bestellte Wein und Zigaretten. Ich aß rasch. Die Garnelen waren frisch und würzig. „Es tut mir leid," sagte ich, „aber ich bin sehr hungrig."

Ich beobachtete Schwarz, während ich aß. Er saß ruhig da und sah auf die theatralische Stadt hinunter, weder ungeduldig noch verärgert. Ich spürte etwas wie Zuneigung. Er schien mit den Geboten falschen Anstandes aufgeräumt zu haben und zu wissen, daß man hungrig sein und essen konnte, während neben einem jemand litt, ohne daß man deshalb gefühllos zu sein brauchte. Wenn man nichts für den andern tun konnte, war es ebenso gut, sein Brot zu essen, wenn man hungrig war, bevor es einem weggenommen wurde. Man wußte nie, wann es einem weggenommen wurde.



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