
«Die konnte Jesus auch nicht leiden.» Die Bibelstunden waren nicht ohne Wirkung geblieben, trotzdem konnte ich mir nichts unter einem Pharisäer vorstellen; das Wort hatte ich aber schon gehört. So wie ich das Wort «Eucharistie» gehört hatte und nicht recht wusste, was es bedeutete.
«Heuchler. Ein Pharisäer ist ein Heuchler, der in der Öffentlichkeit laut betet und dann, wenn keiner hinguckt, macht, was er will.» «Ist Tante Wheezie wirklich ein Pharisäer?»
«Hm ... nein, aber sie versucht wahrhaftig, allen Leuten die Bibel hinzureiben, dabei ist sie beileibe nicht vollkommen. Seit Ginnys Tod ist sie zur frommen Eule mutiert.» Mutter sah mich an, legte mir dann die Hand auf die Schulter. «Es ist furchtbar, eine Tochter zu verlieren. Ich bemühe mich, daran zu denken, wenn ich wütend auf sie bin oder wenn sie katholischer sein will als der Papst.» Sie wölbte die Hände,
schöpfte klares Wasser, öffnete dann die Hände und sah zu, wie es wieder in die Bucht fiel. «Zeit. Mit der Zeit wird sie den verflixten Jesus aufgeben.» «Mutter, du weißt doch, wenn du neben mir kniest, wenn ich meine Gebete aufsage?» «Ja?»
«Ich will das eine Gebet nicht mehr aufsagen.» «Das Vaterunser?» Das überraschte sie.
«Nein. Ich will nicht mehr beten, <Nun werd ich mich zur Ruh begeben, Herr, gib meiner Seele Segen, und sterb ich vor dem Morgengrauen, so will ich sie dir anvertrauenA »
Sie schürzte die Lippen, wollte etwas sagen, hielt sich aber zurück. «Ich verstehe.»
«Als Tante Ginny gestorben ist, wollten Leroy und ich dieses Gebet nicht mehr sprechen, aber wir hatten Angst, was zu sagen.» «Jetzt hast du keine Angst.» «Zeit.» Ich lächelte sie an.
«Du kluges kleines Ding.» Sie überlegte. «Dann müssen wir eben ein anderes Gebet finden. Du könntest einen von den Psalmen aufsagen, die sind schön. Die meisten werden dir gefallen. Du liest sie sehr gut für dein Alter.» «Dann sag ich einen Psalm auf.» «Und Leroy?»
