«Als du klein warst, hast du immer in die Hände geklatscht, wenn die Sonne aufging. Dann hat Momma gelacht, und du hast weitergeklatscht.» Sie seufzte. «Gibt es was Schöneres als einen neuen Tag?» Mutter strahlte. Cora, ihre Mutter, war 1947 gestorben. Ich war knapp drei. Ich erinnere mich, dass alle geweint haben. Das war meine erste Begegnung mit der Tatsache, dass Menschen die Erde verlassen. Als Nächstes kam, mit gerade mal fünf, ein Cousin an die Reihe, und dann Ginny. Etwas beunruhigte mich. Wenn sie an einen besseren Ort gingen, warum weinten dann alle?

Louise kurbelte das Fenster herunter, die noch kühle Luft strömte herein. «Ich weiß, dass die Sonne im Osten aufgeht, aber ich weiß nicht, was sie mitbringt.» «Gute Zeiten.» Mutter strahlte. «Ich weiß nicht.» «Schwesterherz, gute Zeiten.» Mutter lächelte.

Als Ginny krank wurde, hatten Mutter und Tante Louise sie gepflegt. Mutter trug die ganze Last von Louises Trauer und trauerte selbst; denn Ginny war ein ausnehmend liebenswerter Mensch gewesen.

Sie schwiegen eine ganze Weile, dann atmete Louise tief ein und ließ die Luft

langsam ausströmen. «Ich fühle mich allmählich alt.»

«Red keinen Quatsch. Du bist keinen Tag älter als zweiundfünfzig.»

«Achtundvierzig», lautete die prompte, eiskalte Antwort.

«Ha, dass ich nicht lache.»

«Du bleibst immer meine kleine Schwester, aber mach mich nicht älter, als ich bin.» Sie rutschte auf ihrem Sitz herum, kurbelte das Fenster wieder hoch; denn draußen war es frisch, obwohl wir August hatten. «Das mittlere Alter ist heikel. An manchen Tagen fühl ich mich wie sechzehn, und an anderen, na ja.» Ihre Stimme verklang.

«Ich würd's nicht merken», bekam sie frech zur Antwort.



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