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Miguel Semana hob ein geschliffenes Kristallglas mit goldenem Brandy an seine bärtigen Lippen. Er war seit zwei Wochen in Amerika, um mit Carmen, seiner berühmten Schwester, Weihnachten zu feiern. Seit sechs Jahren rangierte Carmen unter den drei Spitzenspielerinnen im Profitennis der Damen. Miguel, selbst ein talentierter Athlet, haßte die Disziplin im Sport. Er haßte Disziplin, punktum. Carmen haßte sie auch, widmete dem Training aber gerade genug Zeit, um ihre außergewöhnliche Naturbegabung in Hochform zu halten. Miguel liebte seine Schwester so sehr, wie er überhaupt lieben konnte. Als sie Kinder waren, hatte er sie trainiert, mit ihr gespielt und ihr Spiel zu dem gemacht, was es heute war, denn er gönnte ihr keine Pause. Als sie gut genug war, sich auf dem Profifeld zu behaupten, brachte Miguel seinen Vater dazu, sie aus Argentinien fortzulassen. Er begleitete sie das erste Jahr über auf Turnierreisen; sie war fünfzehn. Anschließend ging er wie geplant aufs College und wurde Rechtsanwalt. Während er sich mit Schadensklagen, Testamentsvollstreckungen und anderen höchst langweiligen Sachen herumschlug, wurde Carmen am Tennishimmel unaufhaltsam ein großer Star.
Jetzt, mit 24 und auf dem Höhepunkt ihrer physischen Kraft, hatte Carmen Miguel wieder an ihrer Seite. Sie wollte im Tennis den Grand Slam gewinnen, ein schier unmögliches Bravourstück, aber eines, das ihr sowohl im Sport Unsterblichkeit garantieren als auch eine bereits fette Brieftasche zum Überquellen bringen würde.
Um den Grand Slam zu gewinnen, muß eine Spielerin im selben Jahr das French Open, Wimbledon, das US Open und das Australian Open gewinnen. In der Geschichte des Tennis hatten nur vier Spielerinnen und Spieler dieses Meisterwerk je vollbracht: Don Budge im Jahre 1938, Maureen Connolly 1953, Rod Laver 1962 und 1969 und Margaret Court im Jahre 1970.
