
Laut der geschwätzigen Hebamme, die es der Dienerin eines Nachbarn anvertraut hatte, die es wiederum jedem erzählte hatte, der es hören wollte, hatte Sanaubar nur einen einzigen Blick auf das Baby in Alis Armen geworfen, die gespaltene Lippe gesehen und dann ein bitteres Lachen ausgestoßen.
»Na also«, hatte sie gesagt, »jetzt hast du ja deinen eigenen Schwachkopf von einem Sohn, der das Lächeln für dich übernehmen kann!« Sie hatte sich geweigert, Hassan auch nur einmal zu halten, und nur fünf Tage später war sie verschwunden.
Baba stellte für Ali die gleiche Amme ein, die schon mich gestillt hatte. Ali erzählte uns, sie sei eine blauäugige Hazara-Frau aus Bamiyan gewesen, der Stadt mit den riesigen Buddha-Statuen. »Was für eine liebliche Stimme sie hatte, wenn sie sang«, erklärte er uns immer wieder.
Was sie denn gesungen habe, fragten Hassan und ich dann für gewöhnlich, obwohl wir es längst wussten — Ali hatte es uns schon unzählige Male erzählt. Wir wollten ihn bloß singen hören.
Er räusperte sich dann immer und begann:
Anschließend erinnerte er uns daran, dass eine Brüder lichkeit zwischen Menschen besteht, die von derselben Brust getrunken haben, eine Verwandtschaft, die nicht einmal die Zeit zu zerstören vermag.
Hassan und ich hatten von derselben Brust getrunken. Wir machten unsere ersten Schritte auf demselben Rasen im selben Garten. Und unter demselben Dach sprachen wir unsere ersten Worte.
Meins lautete Baba.
Seins lautete Amir. Mein Name.
