
In dieser kleinen Hütte schenkte Hassans Mutter, Sanaubar, ihm an einem kalten Wintertag des Jahres 1963 das Leben. Während meine Mutter bei meiner Geburt verblutete, verlor Hassan seine Mutter eine Woche nach dem er auf die Welt gekommen war. Er verlor sie an ein Schicksal, das für die meisten Afghanen viel schlimmer war als der Tod: Sie lief mit einer Truppe reisender Sänger und Tänzer davon.
Hassan sprach nie über seine Mutter, ganz so, als hätte sie niemals existiert. Ich habe mich immer gefragt, ob er wohl von ihr träumte, davon, wie sie aussah, wo sie lebte. Ich fragte mich, ob er sie gern wiedergesehen hätte. Ob er sich nach ihr sehnte, wie ich mich nach der Mutter sehnte, die ich nie gekannt hatte. Eines Tages, als wir vom Haus meines Vaters zum Zainab-Kino liefen, um uns einen neuen iranischen Film anzusehen, nahmen wir die Abkürzung über das Gelände der Militärkaserne nahe der Istiqlal-Mittelschule — Baba hatte uns verboten, diese Abkürzung zu nehmen, aber er war zu der Zeit mit Rahim Khan in Pakistan. Wir kletterten über den Zaun, der die Kaserne umgab, sprangen über einen kleinen Bach und machten uns daran, das offene Feld zu überqueren, auf dem alte, stehen gelassene Panzer verstaubten. Eine Gruppe von Soldaten kauerte im Schatten eines der Panzer, rauchte Zigaretten und spielte Karten. Einer der Soldaten sah uns, stieß dem Mann neben sich den Ellbogen in die Seite und rief zu Hassan hinüber: »He du! Ich kenne dich.«
